Die ams-OSRAM AG mit Sitz im steirischen Premstätten und in München entwickelt und fertigt optische Halbleiter – Leuchtdioden, Laser und optische Sensoren – sowie herkömmliche Autolampen. Ihr Geld verdient sie überwiegend mit Zulieferungen an die Autoindustrie, an Hersteller von Industrie- und Medizintechnik und an Produzenten von Smartphones und anderen Konsumgeräten.
Wer ein neueres Auto fährt, hat mit einiger Wahrscheinlichkeit Bauteile von ams-OSRAM im Scheinwerfer. Im zweiten Quartal 2026 setzte der Konzern 805 Millionen Euro um, 621 Millionen davon mit Halbleitern: Leuchtdioden und Laser, darunter Eviyos, ein Mikro-LED-Chip für adaptive Scheinwerfer, den das Management als marktführend in seiner Klasse bezeichnet, dazu optische Sensoren für Smartphones, Industrie und Medizintechnik. Die übrigen 184 Millionen lieferte das Geschäft mit herkömmlichen Autolampen für Hersteller und Ersatzteilhandel. Der Konzern führt es ausdrücklich als Geldquelle für die Halbleiter, und es wuchs zuletzt, weil ein wichtiger Konkurrent insolvent wurde. Die bereinigte EBITDA-Marge, das operative Ergebnis vor Abschreibungen und ohne Sondereffekte, lag bei 16,9 Prozent. Im Gesamtjahr 2025 waren es 18,3 Prozent bei 3,32 Milliarden Euro Umsatz.
Unterhalb des operativen Ergebnisses sieht das Bild anders aus. Im ersten Quartal 2026 stand einem EBITDA von 64 Millionen Euro ein Finanzergebnis von minus 103 Millionen gegenüber; der Nettoverlust betrug 154 Millionen, im zweiten Quartal kamen 122 Millionen hinzu. Die Ursache liegt in der Übernahme des Lichtkonzerns OSRAM, die die kleinere ams im Juli 2020 abschloss und zu einem großen Teil mit Anleihen und Krediten bezahlte. Ende Juni lag die Nettoverschuldung bei 1,74 Milliarden Euro, noch vor dem Eingang von 570 Millionen aus einem Spartenverkauf. In der Bilanz stehen außerdem 495 Millionen Euro Verpflichtungen gegenüber früheren OSRAM-Minderheitsaktionären: Weil Klagen einzelner Aktionäre anhängig sind, können sie ihre Papiere noch immer für 45,54 Euro je Aktie andienen. S&P bewertet die Kreditwürdigkeit mit B, Moody’s zuletzt mit B3, beides tief im spekulativen Bereich.
Die Fabrik im malaysischen Kulim erinnert an einen geplatzten Großauftrag. ams-OSRAM hatte sie für Mikro-LEDs gebaut, die nach übereinstimmenden Berichten in eine Apple Watch sollten. Im Februar 2024 beendete der Kunde das Projekt, der Konzern stellte Wertminderungen von 600 bis 900 Millionen Euro in Aussicht. Das Gebäude war da bereits an drei staatliche malaysische Fonds verkauft und für mindestens zehn Jahre zurückgemietet; die Verbindlichkeit daraus stand im März noch mit 454 Millionen Euro in den Büchern. Die Abhängigkeit von Kunden dieser Größe besteht fort. Ein einzelner Halbleiterkunde steht laut Konzernabschluss für zehn bis zwanzig Prozent des Umsatzes; nach verbreiteter Einschätzung ist es Apple. JPMorgan beziffert das gesamte Smartphone-Geschäft auf 600 bis 700 Millionen Euro im Jahr, rund ein Fünftel des Umsatzes.
Im Geschäft mit Auto-LEDs ist der japanische Hersteller Nichia seit Jahren der wichtigste Gegner; nach Einschätzung des Marktforschers TrendForce liefern sich beide ein enges Rennen um die Spitze. Der stärkere Druck kommt inzwischen aus China. Dort schrumpfte der Markt für Auto-LEDs 2025 um sechs Prozent auf 980 Millionen Dollar, weil der Preiskampf unter den Autoherstellern und Chinas Politik der Lokalisierung die Preise drücken. Für ams-OSRAM ist das kein Randmarkt: Im ersten Quartal wurden 268 von 796 Millionen Euro Umsatz in China, Hongkong und Taiwan abgerechnet. Zum zweiten Quartal räumte das Management dort schwächere Nachfrage und schärferen Wettbewerb ein. Wie politisch das Feld geworden ist, zeigte der April, als US-Behörden den Verkauf des niederländischen Rivalen Lumileds an den chinesischen LED-Hersteller San’an und einen malaysischen Partner aus Sicherheitsgründen stoppten.
Bei optischen Sensoren ist STMicroelectronics der naheliegende Rivale. Gemeint sind etwa Umgebungslichtsensoren hinter dem Display oder Laufzeitsensoren, die Entfernungen über die Flugzeit von Licht messen. Die Laufzeitsensoren der FlightSense-Reihe von ST lösen eine Szene in bis zu 64 Messzonen auf; ams-OSRAM meldete für seine Mehrzonen-Sensoren im zweiten Quartal erste nennenswerte Zusagen aus der Robotik und von Smartphone-Herstellern. Leicht ist das Umfeld nicht, denn im unteren Preissegment blieb der Smartphone-Markt laut Management schwach. Außerhalb der Optik hat sich der Konzern zurückgezogen. Die nicht-optischen Sensoren für Position, Temperatur und Berührungserkennung gingen an Infineon, die Bildsensoren für Industrie und Automatisierung an indie Semiconductor. Übrig bleibt, was mit Licht zu tun hat.
Das neue Spielfeld sind Rechenzentren für künstliche Intelligenz. Dort sollen Mikro-LEDs und Laser Daten zwischen Chips und Server-Racks per Licht übertragen, mit weniger Strom als Kupferkabel. Der Andrang ist groß. Microsoft hat mit dem Prototyp MOSAIC 400 parallele Lichtkanäle auf weniger als einem Quadratmillimeter gezeigt, der Verbindungsspezialist Credo hat das Start-up Hyperlume übernommen, und eine Reihe chinesischer LED-Hersteller, darunter San’an, steckt laut TrendForce in der Muster- und Erprobungsphase. Mit dem Start-up Avicena, einem Pionier der Mikro-LED-Verbindungen, arbeitet ams-OSRAM seit März zusammen. Bei Lasern vom Typ VCSEL, die senkrecht zur Chipoberfläche strahlen, treffen die Österreicher auf etablierte Anbieter wie Coherent und Lumentum. Den Markt für optische Module auf Mikro-LED-Basis schätzt TrendForce für 2030 auf 848 Millionen Dollar.
Seit Anfang 2026 hat ams-OSRAM drei Geschäfte abgegeben. Im März ging die Sparte für Spezial- und Industrielampen mit rund 500 Beschäftigten in Berlin für 114 Millionen Euro an den japanischen Hersteller Ushio. Am 1. Juli folgte das nicht-optische Sensorgeschäft, für das Infineon 570 Millionen Euro in bar zahlte und das 2026 rund 230 Millionen Euro Umsatz erzielen soll. Den Verkauf der Bildsensoren an indie Semiconductor für 40 Millionen Euro unterschrieb der Konzern im Mai. Das Geld dient zuerst der Bilanz. Eine neue Anleihe über eine Milliarde Euro mit 7,25 Prozent Zins löst Papiere mit 12,25 Prozent vollständig und solche mit 10,5 Prozent teilweise ab und spart rund 40 Millionen Euro Zinsen im Jahr. Bis 2030 soll die Nettoverschuldung unter das Zweifache des bereinigten EBITDA sinken.
Parallel läuft das im Februar angekündigte Sparprogramm Simplify. Bis Ende 2028 soll es die Kosten um rund 200 Millionen Euro im Jahr senken; etwas mehr als 2.000 Stellen fallen weg, etwa die Hälfte in Europa, vor allem in Deutschland. In Regensburg wandern ältere Produktlinien nach Asien, im Lampenwerk Schwabmünchen rechnet die IG Metall mit rund 270 betroffenen Arbeitsplätzen. Die Umsetzung kostet einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag. Zur Jahresmitte waren Einsparungen von zehn Millionen Euro jährlich erreicht, bis Ende 2026 sollen es 30 Millionen sein, bis Ende 2027 100 Millionen. Zugleich stiegen die Forschungsausgaben im ersten Quartal auf 15 Prozent des Umsatzes, nach 13 Prozent ein Jahr zuvor, getrieben auch von den Projekten für Datenbrillen und Rechenzentren.
Die Wachstumserzählung heißt Digital Photonics, seit Juli mit eigenen Geschäftsbereichen. Für Datenbrillen mit KI-Funktionen entwickelt ams-OSRAM Lichtquellen aus farbigen Mikro-LED-Arrays, die das Bild ins Brillenglas projizieren; zusammen mit Sensoren und Beleuchtung könnte der Anteil je Brille laut Management 50 bis 100 Euro erreichen. Den Kunden nennt der Konzern nicht, Berichte über Meta sind unbestätigt. Für Rechenzentren schloss ams-OSRAM einen Entwicklungsvertrag mit einem ungenannten Infrastrukturpartner und holte Ashkan Seyedi, der bei Nvidia die technische Produktvermarktung optischer Verbindungen verantwortet hatte. Im September stellte der Konzern Laser-Arrays in Dünnschichttechnik vor, die 32 Gigabit pro Sekunde und Kanal bei 0,25 Picojoule je Bit übertragen und in Dauertests mehr als 2.000 Betriebsstunden ohne Ausfall liefen. Serienumsätze erzielt der Konzern mit beiden Vorhaben bislang nicht.
Am 30. Dezember 2025 kostete eine ams-OSRAM-Aktie an der Schweizer Börse 7,85 Franken, am 23. September 2026 schloss sie bei 23,48 Franken. Der Börsenwert hat sich damit auf rund 2,3 Milliarden Franken verdreifacht. Anfang Dezember, nachdem JPMorgan zum Untergewichten geraten hatte, war sie noch auf 7,07 Franken gefallen. Den größten Schub gab am 7. Mai der mit den Quartalszahlen gemeldete Entwicklungsvertrag für Rechenzentren, die Aktie stieg an diesem Tag um 29 Prozent; JPMorgan stufte sie tags darauf hoch und rät inzwischen zum Kauf. Gerade verlief der Weg nicht. Am 17. Juli verlor das Papier im Sog einer Schwäche des Halbleitersektors 17 Prozent, am 21. September gewann es nach der Vorstellung der neuen Laser 22,9 Prozent. Solche Ausschläge zeigen, wie viel der Bewertung an Produkten hängt, die noch keinen Umsatz bringen.
Die Skeptiker halten sich an die Kasse. Im ersten Halbjahr verlor der Konzern netto 276 Millionen Euro, und ohne Verkaufserlöse erwartet Finanzchef Rainer Irle für 2026 einen freien Cashflow von minus 300 Millionen Euro oder schlechter, wovon mehr als 250 Millionen auf Sondereffekte entfallen. Selbst die neue Anleihe kostet 7,25 Prozent Zins. Im Mittel raten zehn vom Datendienst Stock Analysis erfasste Analysten zum Halten; ihr durchschnittliches Kursziel von 17,81 Franken liegt rund ein Viertel unter dem Kurs. Dazu kommt die Größenordnung: Allein der Markt für Mikro-LED-Module, den TrendForce für 2030 auf 848 Millionen Dollar schätzt, entspräche gut einem Fünftel des heutigen Konzernumsatzes, und ams-OSRAM wäre darin nur einer von vielen Anbietern. Und das Muster ist bekannt. Schon einmal setzte ams-OSRAM auf eine Mikro-LED-Zukunft, die ein einziger Kunde beenden konnte.
Dagegen steht ein Kerngeschäft, das sich gerade verbessert. Die verbliebenen Halbleiter wuchsen im zweiten Quartal auf vergleichbarer Basis um 13 Prozent, mehrere Produktlinien sind nach Aussage des Managements ausverkauft, und die Design-Wins – Zusagen, in künftigen Produkten der Kunden verbaut zu werden – erreichten im ersten Halbjahr einen geschätzten Lebenszeitwert von rund 2,5 Milliarden Euro, einen Rekord. Jefferies setzt das Kursziel auf 25,50 Franken, die Deutsche Bank auf 19. Anders als 2024 verteilt sich die Photonik-Wette auf Autos, Brillen und Rechenzentren. Doch die Aktie bewertet heute Umsätze, die erst in den kommenden Jahren anfallen sollen, während die Bilanz noch die Übernahme von 2020 und die Fabrik in Kulim abträgt. Die erste Probe kommt 2027, wenn der freie Cashflow nach Plan auch ohne Verkaufserlöse wieder positiv werden soll.