Die Banca Monte dei Paschi di Siena S.p.A., 1472 in der Toskana gegründet und als älteste noch tätige Bank der Welt geführt, ist eine italienische Universalbank mit Retail-, Firmenkunden- und seit 2025/26 auch Investmentbanking- und Wealth-Management-Geschäft. Nach einer Staatsrettung 2017 verdient sie ihr Geld heute wieder überwiegend mit Zinsüberschuss und Gebühren im italienischen Privat- und Firmenkundengeschäft.
2017 musste der italienische Staat mit 3,9 Milliarden Euro frisches Kapital einspringen, nachdem MPS im EBA-Stresstest 2016 als einzige große europäische Bank durchgefallen war und faule Kredite fast 35 Prozent der Bilanz ausmachten. Neun Jahre später meldet dieselbe Bank für das erste Halbjahr 2026 einen Nettogewinn von 1.117,8 Millionen Euro, nach 892,4 Millionen im Vorjahreszeitraum – ein Plus von rund einem Viertel. Allein im zweiten Quartal stieg der Gewinn auf 610,2 Millionen Euro, das Nettozinsergebnis lag bei knapp 2,1 Milliarden Euro für das Halbjahr, die Kernkapitalquote (CET1) verbesserte sich auf 16,3 Prozent. Das Management hob die Gewinnprognose für 2026 auf einen Vorsteuergewinn von 3,6 Milliarden Euro an.
Das operative Rückgrat bleibt ein klassisches Filialnetz: über 1.500 Standorte und 200 Spezialzentren bedienen rund 4,5 Millionen Kunden in Italien, ergänzt um die Digital- und Beratungsmarke Widiba für Online-Banking und Fernberatung. Die Kostenquote (Cost-Income-Ratio) verbesserte sich im Halbjahr auf 43 Prozent, ein für eine ehemals notleidende Bank bemerkenswerter Wert. Bei der Kreditqualität peilt MPS für 2026 eine Netto-NPE-Quote von 1,4 Prozent an, bei einer Deckung von 59 Prozent – Kennzahlen, die die Bank inzwischen näher an den europäischen Durchschnitt als an ihre eigene Krisenvergangenheit rücken.
Seit der 2025 abgeschlossenen, ursprünglich feindlichen Übernahme von 86,3 Prozent der Mediobanca-Aktien – die Vollfusion soll bis Jahresende 2026 abgeschlossen sein – hat MPS ein zweites Standbein: Investmentbanking, Vermögensverwaltung und, über Mediobancas historische Beteiligung, die Rolle des größten Einzelaktionärs beim Versicherungskonzern Generali, der mehr als 800 Milliarden Euro verwaltet. Aus einer reinen Geschäftsbank mit Rettungsvergangenheit ist damit binnen eines Jahres ein Mischkonzern mit Zugriff auf Italiens größten Versicherer geworden – eine Transformation, die das Unternehmen komplexer macht, als es die Halbjahreszahlen allein zeigen.
Am 8. Juni 2026 kündigte der italienische Marktführer Intesa Sanpaolo ein unaufgefordertes Übernahmeangebot für MPS an: 16 neue Intesa-Aktien plus einen Euro Bargeld je zehn MPS-Aktien, ein impliziter Preis von 10,091 Euro und ein Gesamtvolumen von 30,6 Milliarden Euro. Der MPS-Vorstand lehnte das Angebot ab – die Prämie von 12,5 Prozent liege deutlich unter den in der italienischen Bankenbranche üblichen rund 30 Prozent, die unterstellten Synergien von 2,9 Milliarden Euro seien zu optimistisch gerechnet. Am 10. September 2026, wenige Tage vor Redaktionsschluss dieses Dossiers, billigten Intesas eigene Aktionäre mit 96,96 Prozent die dafür nötige Kapitalerhöhung um bis zu 5,7 Milliarden neue Aktien – ein klares Signal, dass Intesa die Offerte ernst meint.
Wie politisch aufgeladen italienische Bankenfusionen sein können, zeigte sich bereits 2025: UniCredit bot Ende November 2024 rund 10,1 Milliarden Euro für Banco BPM, zog das Angebot im Juli 2025 aber zurück, nachdem die Regierung die Freigabe über ihr „Golden Power"-Vetorecht verweigert hatte – ein achtmonatiger Stillstand, den UniCredit-Chef Andrea Orcel offen als Grund für den Rückzug nannte. Dass ausgerechnet MPS, einst selbst Bittsteller beim Staat, heute als Regierungsliebling in genau jenem Konsolidierungsspiel mitspielt, aus dem UniCredit vertrieben wurde, ist eine Pointe, die viele Beobachter in Rom und Mailand nicht übersehen.
MPS versuchte zunächst den freundlichen Weg: Im Juni 2026 sondierte Banco BPM selbst eine Fusion mit MPS, doch die Gespräche endeten im Juli ergebnislos, nachdem Crédit Agricole – mit 29,3 Prozent größter Einzelaktionär von Banco BPM – öffentlich erklärte, in einem solchen Zusammenschluss keinen Wert zu erkennen, und stattdessen eine eigene Verbindung zwischen Banco BPM und der italienischen Crédit-Agricole-Tochter bevorzugte. Aus der gescheiterten Partnerschaft wurde binnen Wochen eine feindliche Offerte – MPS bietet nun selbst für Banco BPM, ohne dass der Widerstand des größten BPM-Aktionärs verschwunden wäre.
Die Antwort von Vorstandschef Luigi Lovaglio auf Intesas Angriff heißt Gegenangriff: Ende August 2026 legte MPS zwei parallele, aktienbasierte Übernahmeangebote vor, für Banco BPM mit einer Bewertung von 25,3 Milliarden Euro und für den Vermögensverwalter Banca Generali mit 8,7 Milliarden Euro – zusammen rund 34 Milliarden Euro. Die Logik dahinter: Wer selbst so groß wird, dass eine Übernahme durch Intesa aus wettbewerbsrechtlichen und finanziellen Gründen unattraktiv wird, entkommt der eigenen Einverleibung. Die Andienungsfristen für beide Offerten sollen frühestens im Dezember 2026 beginnen und bis Februar 2027 laufen – ein enger Zeitplan für zwei Milliardentransaktionen gleichzeitig.
Ein Konstruktionsdetail wiegt schwer: Das Angebot für Banco BPM sieht 1,567 neue MPS-Aktien je Banco-BPM-Aktie vor, was auf Basis der Kurse vom 19. August 2026 keinerlei Aufschlag gegenüber dem Börsenkurs bedeutet. Die italienische Wirtschaftspresse kommentierte das bereits als „Übernahme ohne Prämie", und der Banco-BPM-Vorstand vertagte seine Entscheidung zunächst, statt sie klar zu unterstützen. Nur beim Angebot für Banca Generali räumte MPS einen Aufschlag von rund zehn Prozent ein – ein Hinweis darauf, dass die Bank ihre eigene Aktie als Übernahmewährung nicht beliebig verwässern will, was die BPM-Offerte für deren Aktionäre wiederum weniger attraktiv macht.
Die Strategie ruht auf einer Führung, die selbst erst wenige Monate zuvor um ihre Existenz kämpfen musste: Anfang 2026 entmachtete der MPS-Vorstand CEO Lovaglio im Streit um das Ausmaß der Mediobanca-Integration und nominierte mit Fabrizio Palermo einen Gegenkandidaten. Erst die Hauptversammlung vom 15. April 2026 – mit Rückhalt der Großaktionäre Delfin (Familie Del Vecchio) und Francesco Caltagirone – bestätigte Lovaglio mit einem neuen Dreijahresmandat. Parallel ermittelt die Mailänder Staatsanwaltschaft gegen Lovaglio, Caltagirone und den Unternehmer Francesco Milleri wegen des Verdachts auf Marktmanipulation und nicht offengelegtes abgestimmtes Verhalten rund um die Mediobanca-Übernahme.
Wer nur die Halbjahreszahlen liest, sieht eine Bank, die operativ so stark dasteht wie seit der Staatsrettung 2017 nicht mehr: Rekordhalbjahresgewinn, eine Kernkapitalquote von 16,3 Prozent mit rund 680 Basispunkten Puffer über der Aufsichtsanforderung, eine auf 43 Prozent gesunkene Kostenquote und eine angehobene Gewinnprognose. Wer stattdessen auf den Terminkalender schaut, sieht dieselbe Bank in genau diesem Moment der Stärke drei kaum vereinbare Wetten gleichzeitig eingehen: die noch unfertige Integration von Mediobanca, deren Kulturunterschied zum eigenen Commercial-Banking-Geschäft Stimmrechtsberater wie ISS bereits vor Abschluss skeptisch kommentierten; die Abwehr eines mit 30,6 Milliarden Euro bewerteten, von den eigenen Aktionären als zu knapp bemessen zurückgewiesenen Übernahmeangebots von Intesa Sanpaolo; und zwei eigene Gegenofferten über zusammen 34 Milliarden Euro, von denen eine – für Banco BPM – den Zielaktionären keinerlei Kursprämie bietet.
Diese drei Baustellen laufen nicht unabhängig voneinander. Scheitert die BPM-Offerte an fehlender Aktionärszustimmung, so wie sie in der Finanzpresse bereits als zahnlos beschrieben wird, bliebe MPS mit der halb verdauten Mediobanca-Integration und einer geschwächten Verteidigungslinie gegen Intesa zurück – ausgerechnet in dem Moment, in dem Intesas eigene Aktionäre am 10. September 2026 mit übergroßer Mehrheit die nötige Kapitalerhöhung freigegeben haben. Hinzu kommt eine Ebene, die sich keiner Bilanz entnehmen lässt: Die laufende staatsanwaltschaftliche Untersuchung nährt den Verdacht, dass die gesamte Konsolidierungswelle weniger einer nüchternen industriellen Logik folgt als dem koordinierten Interesse zweier Großaktionäre, über MPS als Vehikel sowohl Mediobanca als auch mittelbar Generali unter ihre Kontrolle zu bringen – mutmaßlich mit stillschweigender politischer Rückendeckung der Regierung Meloni, deren „Golden Power"-Instrument im Fall UniCredit/Banco BPM 2025 bereits einmal eine ganze Fusion zum Erliegen brachte.
Die offene Frage lautet damit nicht, ob MPS operativ genesen ist – das ist es, sichtbar in jeder Kennzahl des Halbjahresberichts. Sie lautet, ob eine Bank, deren strategische Zukunft gleichzeitig von einem Gerichtsverfahren, dem Wohlwollen einer Regierung und dem Ausgang zweier prämienfreier Übernahmeschlachten abhängt, diese operative Stärke in dauerhaften Aktionärswert übersetzen kann – oder ob sie am Ende der Schlacht, ganz gleich wie diese ausgeht, doch bei Intesa landet, nur zu schlechteren Konditionen, als heute verhandelbar wären.