AKTIE FEIERT, ACKER LEIDET

JOHN DEERE

effectrolDossiers

Deere & Company ist ein 1837 gegründeter US-amerikanischer Hersteller von Landmaschinen sowie Bau- und Forsttechnik mit Sitz in Moline, Illinois. Das Unternehmen verkauft Traktoren, Mähdrescher und Baumaschinen, Ersatzteile und Wartungsservice sowie zunehmend Software-Abonnements für Präzisionslandwirtschaft, finanziert über die konzerneigene John Deere Capital Corporation.

01 Das Geschäft

Drei Sparten, ein Gefälle

Deere gliedert sein Geschäft in drei Maschinensparten. Im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2026 zeigten sie drei verschiedene Kurven: Construction & Forestry, seit der Wirtgen-Übernahme 2017 auch für Straßenbau- und Fräsmaschinen zuständig, steigerte den Umsatz um 29 Prozent auf 3,79 Milliarden Dollar, das operative Ergebnis sogar um 48 Prozent auf 561 Millionen. Small Agriculture & Turf, das Geschäft mit kleineren Ackerbau- und Rasenmaschinen, wuchs um 16 Prozent auf 3,49 Milliarden Dollar. Production & Precision Agriculture dagegen, die klassischen Großtraktoren und Mähdrescher, verlor 14 Prozent auf 4,503 Milliarden Dollar, die operative Marge brach von 22,0 auf 15,7 Prozent ein. Der Konzern, jahrzehntelang für seine grünen Großtraktoren bekannt, wird im Ergebnis zunehmend von Straßenwalzen getragen.

Der Gewinn sinkt im dritten Jahr

Der Trend reicht weiter zurück als ein Quartal. Im Geschäftsjahr 2024 verdiente Deere netto noch 7,1 Milliarden Dollar, 2025 waren es 5,027 Milliarden, ein Rückgang um 29 Prozent. Für 2026 rechnet der Konzern mit 4,5 bis 5,0 Milliarden. Im ersten Quartal 2026 stieg der Umsatz zwar um 13 Prozent auf 9,611 Milliarden Dollar, der Nettogewinn brach jedoch um 25 Prozent auf 656 Millionen ein; im zweiten Quartal wuchs der Umsatz um 5 Prozent auf 13,37 Milliarden, der Gewinn gab um 1,7 Prozent auf 1,773 Milliarden nach. Umsatz und Gewinn laufen damit seit anderthalb Jahren auseinander – ein Zeichen dafür, dass Kosten, vor allem durch Zölle, schneller wachsen als die Preise, die Deere durchsetzen kann.

Die Werkstatt wird geöffnet

Ein bislang stiller, aber margenstarker Teil des Geschäfts ist der Ersatzteil- und Servicebereich, der Deere durch Konjunkturtäler trägt, weil Farmer eher reparieren als neu kaufen. Genau dieses Geschäft verändert sich gerade. Im Juli 2026 einigte sich Deere mit der US-Handelsbehörde FTC und fünf Bundesstaaten auf einen Vergleich über 99 Millionen Dollar: Der Konzern muss zehn Jahre lang Diagnosesoftware, Reparaturwerkzeuge und Handbücher auch unabhängigen Werkstätten und Farmern zugänglich machen, nicht mehr nur seinen autorisierten Händlern. Die vorläufige Gerichtszustimmung erfolgte im Mai 2026, eine Anhörung zur endgültigen Bestätigung ist für den 29. Oktober angesetzt. Was als Kartellvorwurf begann, wird zur strukturellen Frage: Wie viel der Servicemarge lässt sich halten, wenn der geschlossene Werkstatthof sich öffnet?

02 Der Wettbewerb

CNH, der halb so große Rivale

International konkurriert Deere vor allem mit CNH Industrial, AGCO und dem japanischen Hersteller Kubota in einem nach Branchenmaßstäben nur mäßig konzentrierten Markt. Nach Umsatz ist der Abstand deutlich: CNH Industrial kam 2025 auf 18,1 Milliarden Dollar Konzernumsatz, gut die Hälfte dessen, was Deere allein mit Maschinen umsetzte. Der eigentliche Wettbewerb verschiebt sich jedoch von der Mechanik zur Vernetzung. Wer die größte Flotte an digital angebundenen Maschinen betreibt, sammelt die meisten Felddaten – und Daten verbessern wiederum die Algorithmen für Präzisionslandwirtschaft. Deere ist in dieser Kategorie mit über einer Million vernetzter Maschinen und rund 500 Millionen erfassten Acres weltweit führend, was Rivalen einen strukturellen Nachholbedarf beschert, den reine Preissenkungen nicht auflösen.

Die Farm im eigenen Cloud-Konto

Diese Vernetzung ist zugleich der stärkste Bindungsmechanismus, den Deere besitzt. Wer seine gesamte Betriebsgeschichte, Bodendaten und Maschinenwartung über Jahre im Operations Center gespeichert hat, wechselt beim nächsten Kauf nur ungern zu einem Hersteller, dessen System diese Historie nicht kennt. Bis 2030 will Deere die Zahl der erfassten Acres von 500 auf 600 Millionen steigern. Der frisch verhandelte Right-to-Repair-Vergleich schwächt diesen Vorteil an einer Stelle: Der Reparaturzugang wird geöffnet, die Dateninfrastruktur selbst bleibt aber weiterhin Deere-Eigentum. Der Konzern verliert damit ein Stück regulatorischer Deckung für sein Servicegeschäft, behält aber den datengetriebenen Kern seines Burggrabens – ein Unterschied, den Kritiker des Vergleichs als kosmetisch bezeichnen.

Kubota fährt autonom vor

Bei der Autonomie selbst ist Deere nicht mehr allein unterwegs. Kubota zeigte auf der CES 2026 gemeinsam mit dem Start-up Agtonomy eine autonome Lösung für den kompakten M5-Narrow-Traktor, ein Marktsegment, in dem Deere traditionell schwächer vertreten ist. Chinesische Hersteller drängen parallel mit aggressiven Preisen in Schwellenländer, wo die Kaufentscheidung stärker am Anschaffungspreis als am Software-Ökosystem hängt. Deere begegnet dem mit einer Zwei-Fronten-Strategie: Premium-Technologie für die datenaffinen Großbetriebe Nordamerikas und Europas, Preisdisziplin über den Rest des Portfolios. Ob diese Aufteilung hält, sobald auch chinesische Anbieter eigene Konnektivitätslösungen liefern, ist eine der offenen Fragen, die der Wettbewerb der nächsten Jahre beantworten muss.

03 Die Strategie

Zehn Prozent bis 2030

Deere fasst seine langfristigen Ziele unter dem Namen Leap Ambitions zusammen: eine operative Umsatzrendite von 20 Prozent über den gesamten Zyklus hinweg und ein Anteil wiederkehrender Erlöse von 10 Prozent bis 2030, gespeist aus Softwarelizenzen, Pro-Acre-Gebühren für Technologien wie See & Spray Premium und Abonnements für Autonomiefunktionen. Öffentlich verspricht der Konzern einen vollständig autonomen Produktionszyklus für Mais- und Sojafarmer bis 2030. Das sind Zielmarken, keine Ergebnisse: 2026 liegt der Anteil wiederkehrender Erlöse noch deutlich unter der Zielgröße, und Autonomy 2.0, seit 2025 in begrenztem Einsatz für Bodenbearbeitung, befindet sich erst 2026 im breiteren Rollout. Zwischen Ankündigung und Adoption liegt bei Deere traditionell mehr Zeit, als der Investor-Day-Foliensatz suggeriert.

Die Kamera lernt Raps

Konkreter wird die Strategie beim Sehen-und-Sprühen-System See & Spray, das per Kamera Unkraut von Nutzpflanzen unterscheidet und Herbizid nur dort ausbringt, wo es nötig ist. Die jüngste Generation deckt inzwischen auch Weizen, Gerste, Erdnüsse, Zuckerrüben und Raps ab, zuvor beschränkte sich die Technik im Wesentlichen auf Mais, Soja und Baumwolle. Zum Modelljahr 2027 kommt eine Vierradlenkung für mehr Manövrierfähigkeit hinzu, dazu die neue Zusatzfunktion See & Scout, die dieselben Kameras zur Unkraut-Kartierung nutzt. Für Farmer, die ohnehin knapp bei Kasse sind, bleibt die Rechnung entscheidend: Eine neue Sprühtechnik muss sich über eingespartes Herbizid refinanzieren, bevor sie zur laufenden Einnahmequelle für Deere wird – und die Investitionsbereitschaft der Kunden ist 2026 so niedrig wie seit Jahren nicht.

Neunhundert Millionen, die bleiben

Auf der Kostenseite navigiert Deere durch die Zollpolitik, statt sie nur zu erleiden. Für das Geschäftsjahr 2026 rechnet der Konzern mit einer Bruttobelastung von rund 1,2 Milliarden Dollar durch Zölle, doppelt so viel wie im Vorjahr. Im zweiten Quartal verbuchte Deere jedoch eine Erstattung von 272 Millionen Dollar aus für unrechtmäßig erklärten IEEPA-Zöllen, was die Marge um 2,5 Punkte anhob; nach Erstattung taxiert der Konzern die Netto-Zollbelastung für das Gesamtjahr auf rund 900 Millionen Dollar. Parallel nahm China im Rahmen eines Handelsabkommens seine Sojabohnen-Käufe wieder auf, ein Absatzfaktor, der indirekt auch Deeres Kunden betrifft. Die Strategie besteht damit weniger aus einer großen Geste als aus dem laufenden Nachjustieren zwischen Handelspolitik, Gerichtsentscheidungen und Lieferketten.

04 Die Synthese

Wer nur auf die Bau- und Forstsparte schaut, sieht einen Konzern im Umbau: Sie wächst zweistellig, die Digitalplattform Operations Center verwaltet 500 Millionen Acres, das Ziel eines vollautonomen Mais- und Sojafeldes bis 2030 ist formuliert, und der jahrelange Rechtsstreit ums Reparaturrecht ist mit klaren Bedingungen beigelegt. Wer stattdessen auf die Kernsparte Production & Precision Agriculture blickt, sieht einen Konzern im dritten Jahr sinkender Gewinne: von 7,1 auf 5,0 auf voraussichtlich 4,5 bis 5,0 Milliarden Dollar, mit einer Marge, die binnen zwölf Monaten von 22,0 auf 15,7 Prozent gefallen ist, mit einer Netto-Zollrechnung von rund 900 Millionen Dollar und mit Farmkunden, die laut Umfragen so verschuldungsscheu sind wie selten zuvor.

Der Aktienkurs hat sich bislang für das erste Bild entschieden. Mit rund 609 Dollar Mitte August notiert die Aktie nur zehn Prozent unter ihrem Allzeithoch von 658,85 Dollar aus dem Februar 2026 und deutlich über ihrem Jahrestief von 433 Dollar; seit Jahresbeginn steht ein Plus von etwa 26 Prozent. Bewertungsmodelle wie GF Value sehen die Aktie deshalb 56 bis 63 Prozent über ihrem fairen Wert, Jefferies hat sie im Jahresverlauf auf Underperform herabgestuft. Wer heute kauft, bezahlt nicht die Gewinne von 2026, sondern die Wette, dass der Agrarzyklus tatsächlich seinen Tiefpunkt erreicht hat – wie Vorstandschef John May es öffentlich vertritt – und dass aus der Autonomie-Ankündigung bis 2030 tatsächlich Umsatz wird.

Unter der Oberfläche liegt noch ein drittes, leiseres Risiko: die konzerneigene Finanzierungssparte John Deere Capital Corporation, die Händlern und Kunden den Kauf vorfinanziert. Ein Teil der Marktbeobachter warnt, ihre Kreditausfall-Rückstellungen könnten knapp bemessen sein für ein Szenario, in dem Gebrauchtmaschinenpreise – bei mittlerweile über 70 Prozent der Händler mit Lagerüberhang – weiter nachgeben. Belastbar geprüft ist diese These bislang nicht, angesichts der Zahlen zum Gebrauchtmarkt aber plausibel. Ob der alternde Bestand der Weltflotte tatsächlich einen Nachfrageschub erzwingt, wie das Management hofft, oder ob eine strukturell vorsichtigere Farmergeneration die Ersatzbeschaffung weiter hinausschiebt, bleibt die Frage, an der sich Kurs und Zyklus in den kommenden Quartalen messen lassen müssen.