COMEBACK ZUM VOLLEN PREIS

MIPS

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MIPS AB ist ein schwedisches Technologieunternehmen, das Helmherstellern sein Brain Protection System lizenziert — eine Gleitschicht, die bei schrägem Aufprall die Rotationskräfte auf das Gehirn reduziert. MIPS produziert selbst keine Helme, sondern verdient an Lizenzgebühren pro verkauftem Helm in den Kategorien Sport, Motorrad und Arbeitsschutz.

01 Das Geschäft

Eine Gebühr pro Helm

Das Geschäftsmodell besteht aus einem Bauteil und einer Rechnung. Das Bauteil ist eine dünne Gleitschicht zwischen Polster und Helmschale, die dem Kopf bei einem schrägen Aufprall eine minimale Drehbewegung erlaubt und so Rotationsenergie ableitet, bevor sie das Gehirn erreicht. Die Rechnung ist eine Lizenzgebühr pro verkauftem Helm; Schätzungen aus dem Analystenumfeld nennen 25 bis 45 Kronen, je nach Größe des Herstellers. MIPS unterhält keine Helmfabrik, kein Lager und keinen Endkundenvertrieb. Mehr als 180 Marken verbauen das System in über 800 Helmmodellen, erkennbar am gelben Punkt auf der Schale. Jeder zusätzliche Helm kostet das Unternehmen fast nichts — die Struktur skaliert, solange die Marken bleiben.

Das zweite Quartal 2026

Auf 533 Millionen Kronen Umsatz im Jahr 2025 folgt ein Jahr mit anderem Takt. Im zweiten Quartal 2026 wuchs der Umsatz um 72 Prozent auf 232 Millionen Kronen, davon 42 Prozent organisch — der Rest stammt im Wesentlichen aus der übernommenen Koroyd. Die bereinigte operative Marge stieg von 40,4 auf 46,7 Prozent; fast jede zweite Umsatzkrone wird zu operativem Ergebnis. Das Halbjahr summiert sich auf 382 Millionen Kronen, ein Plus von 53 Prozent. Auffällig ist die Geographie: Nordamerika wuchs um 91 Prozent, Europa — lange der zähe Markt — um 48 Prozent, Asien kehrte zu deutlichem Wachstum zurück. Für das zweite Halbjahr stellt das Management weitere Marktanteilsgewinne in Aussicht.

Drei Kategorien, drei Tempi

Die Sportkategorie — Fahrrad-, Schnee- und Reithelme — bleibt mit 189 Millionen Kronen im Quartal das Fundament und wuchs um 51 Prozent. Motorradhelme legten um 80 Prozent zu, mehr als die Hälfte davon organisch. Die kleinste Kategorie, der Arbeitsschutz, meldete 604 Prozent Wachstum — eine Zahl, die mehr über die Basis sagt als über den Markt: Organisch waren es 80 Prozent, der Rest geht auf die im Dezember 2025 für 40 Millionen Euro übernommene Koroyd zurück, einen Spezialisten für lineare Schlagabsorption aus Monaco. Im Mai 2026 kam eine Partnerschaft mit dem US-Sicherheitsausrüster Ergodyne hinzu, deren Typ-2-Schutzhelm Rotationsbelastungen auf Baustellen adressiert — ein Terrain, auf dem die Norm bislang vor allem den geraden Schlag kannte.

02 Der Wettbewerb

Zwei Kontinente, zwei Kurven

In den USA steckt das System bereits in geschätzt 50 bis 60 Prozent der Premium-Fahrradhelme — eine Durchdringung, die dort vor allem noch Wachstum über neue Modelle und mittlere Preislagen zulässt. Europa liegt trotz anderthalb Jahrzehnten Marktpräsenz bei geschätzt zehn bis zwanzig Prozent; der Aufpreis für den gelben Punkt wurde hier lange zögerlicher bezahlt. Genau diese Lücke ist in Bewegung geraten: 48 Prozent Wachstum in Europa im zweiten Quartal sind der wichtigste einzelne Datenpunkt der aktuellen Berichtssaison, weil sie den größten unerschlossenen Markt betreffen. Ob dahinter Regulierung, Modellzyklen oder Nachholeffekte stehen, lässt sich von außen nicht sauber trennen — für die Tragfähigkeit der Wachstumsstory macht es einen Unterschied.

WaveCel, KinetiCore, 360 Turbine

Die ernsthafteste Konkurrenz kommt nicht von einem zweiten Lizenzgeber, sondern aus der eigenen Kundschaft. Trek bestückt Bontrager-Helme mit der hauseigenen WaveCel-Struktur, Leatt entwickelte die 360 Turbine, und Lazer vollzog 2024 den vollständigen Ausstieg: KinetiCore formt Knautschzonen direkt in den Helmschaum, spart die separate Gleitschicht und macht Helme nach Herstellerangaben bis zu 24 Prozent leichter. Darin liegt das Paradox des Geschäftsmodells: MIPS hat der Branche über Jahre beigebracht, dass Rotationsschutz ein Verkaufsargument ist — und jede gelernte Lektion senkt die Hürde, ihn selbst zu bauen. Ab etwa 2030 beginnen zudem frühe Basispatente auszulaufen, was die Rechenaufgabe für jeden Hersteller mit eigener Entwicklungsabteilung verändert.

Bell, Giro und die anderen

Rund 150 Helmmarken zahlen Lizenzgebühren, aber fünf von ihnen stehen für etwa 40 Prozent des Umsatzes — darunter nach Brancheneinschätzung Revelyst mit Bell und Giro sowie Specialized und Trek. Diese Konzentration hat zwei Gesichter. Sie macht verwundbar, weil der Abgang einer einzigen Großmarke sofort in der Erfolgsrechnung sichtbar wäre. Sie schafft aber auch Bindung, wie der Patentstreit mit BrainGuard Technologies zeigte: Als der US-Anbieter den MIPS-Kunden Revelyst 2024 wegen angeblicher Patentverletzung verklagte, trat MIPS dem Verfahren bei und beendete es im Juli 2026 mit einer Zahlung von 3,25 Millionen Dollar — ohne Schuldanerkenntnis, dafür mit Rechtsfrieden für sämtliche MIPS-Kunden. Die Lizenz enthält, so gelesen, auch eine Rechtsschutzversicherung.

03 Die Strategie

Regelwerk Baustelle

Die strategische Hauptwette gilt dem Arbeitsschutz. Auf Baustellen ersetzt eine neue Helmgeneration die klassische Hartschale, und die Normen beginnen, schräge Aufprallszenarien zu berücksichtigen — jenes Terrain, auf dem MIPS seine Legitimation im Sport erworben hat. Nordamerika führt diese Verschiebung an, der Ergodyne-Helm ist ihr sichtbarster Ausdruck. Die Kategorie wächst organisch um 80 Prozent, allerdings von einer Basis, die im Konzernumsatz noch wenig wiegt. Das Kalkül dahinter ist langfristig: Ein Fahrradhelm ist eine Konsumentscheidung, ein Baustellenhelm eine Beschaffungsentscheidung — vorgeschrieben, budgetiert, bestellt in Stückzahlen ganzer Belegschaften. Ob die Regelwerke außerhalb Nordamerikas ähnlich schnell nachziehen, ist die offene Variable dieser Rechnung.

Zwei Physiken eines Sturzes

Koroyd verändert die Architektur des Angebots. Bislang adressierte MIPS eine einzige physikalische Größe, die Rotation; Koroyd dämpft die lineare Aufprallenergie, die zweite Dimension jedes Sturzes. Zusammen lässt sich Helmherstellern nun ein kombiniertes Schutzpaket anbieten, das in dieser Form kein einzelner Wettbewerber führt. Im ersten Quartal steuerte die Übernahme 18 Prozentpunkte zum Wachstum bei, im zweiten trug sie den Sprung der Safety-Kategorie. Die Integrationsrechnung ist gleichwohl offen: Koroyd bringt eine andere Kostenstruktur mit als das reine Lizenzgeschäft, und das Management muss zeigen, dass die angekündigten Synergien in Forschung und Testverfahren eintreten. Gegen die strategische Option wirkt der Kaufpreis von 40 Millionen Euro allerdings moderat.

Zölle, Ziele, Zeitpläne

Das Fernziel steht seit Jahren: zwei Milliarden Kronen Umsatz, knapp das Vierfache des Niveaus von 2025. Ursprünglich für 2027 ausgerufen, gilt es inzwischen für spätestens 2029 — verschoben mit Verweis auf einen unsicheren Konsummarkt, geopolitische Risiken und die Zollpolitik der US-Administration. Die Zölle sind mehr als eine Fußnote: Die Lieferketten der Helmbranche laufen über Asien, und 2025 hielten US-Kunden Bestellungen zurück, weil unklar war, ob die Abgaben dauerhaft bleiben. Nach einem Halbjahr mit 53 Prozent Wachstum wirkt der Zeitplan wieder erreichbar. Er setzt allerdings voraus, dass sich das Tempo dieses Jahres nicht nachträglich als das Nachholen der 2025 aufgeschobenen Bestellungen herausstellt.

04 Die Synthese

Vor einem Jahr ließ sich MIPS als Fallstudie über die Grenzen eines Lizenzmodells lesen: gesättigter US-Premiummarkt, ein abtrünniger Kunde als Präzedenzfall, fünf Abnehmer mit 40 Prozent Umsatzanteil — und ein Kurs, der zeitweise auf 206 Kronen gefallen war. Das zweite Quartal 2026 hat diese Lesart nicht widerlegt, aber überstimmt: 42 Prozent organisches Wachstum über alle Kategorien und Regionen sind kein Sättigungsbefund. Der Kapitalmarkt reagierte entsprechend — die Aktie sprang am Tag der Zahlen zweistellig und notiert Ende August um 390 Kronen, fast doppelt so hoch wie am Tief der vergangenen zwölf Monate. Verändert hat sich dabei weniger das Unternehmen als der Preis, den der Markt für seine Zukunft verlangt.

Die Risiken von damals sind nicht verschwunden, sie sind leiser geworden. Die Kundenkonzentration besteht fort, der Patentschutz dünnt gegen Ende des Jahrzehnts aus, und mit KinetiCore existiert der Beweis, dass eine Marke den Rotationsschutz selbst bauen kann. Neu hinzugekommen ist das Bewertungsrisiko: Die Aktie kostet wieder mehr als das Dreißigfache des Gewinns der vergangenen zwölf Monate, und in Schweden raten Analysten, die das Geschäft ausdrücklich loben, wegen Preis und Zollunsicherheit teils zum Abwarten. Dass ein Vergleich über 3,25 Millionen Dollar nötig war, um einen jahrelangen Patentstreit zu beenden, erinnert zudem daran, dass dieser Burggraben vor Gericht verteidigt werden muss — mit Kosten, die ein Lizenzmodell unmittelbar in der Marge spürt.

Die Investmentfrage hat damit die Seite gewechselt. 2025 musste begründen, wer kaufte, warum die Skepsis übertrieben sei; 2026 muss begründen, wer hält, warum das eingepreiste Tempo trägt. Die Wette auf MIPS ist heute die Wette, dass der Arbeitsschutz das nächste Fahrrad wird — dass Normen und Beschaffungsrichtlinien den gelben Punkt auf die Baustellenhelme der Welt heben, bevor auslaufende Patente und selbstgebaute Alternativen das Sportgeschäft erodieren. Die Gegenwette lautet, dass ein Ausnahmejahr aus Nachholbestellungen und Übernahmeeffekten die Messlatte auf eine Höhe gelegt hat, an der gewöhnliches Wachstum bereits als Enttäuschung gilt. Beide Seiten berufen sich auf dieselben Zahlen. Der Bericht zum dritten Quartal, der erstmals die Kosten des Rechtsfriedens trägt, liefert die nächste Abstimmung.