NKT A/S ist ein dänischer, in Kopenhagen börsennotierter Hersteller von Energiekabeln: Hochspannungssysteme für Offshore-Windparks, Netzverbindungen und Landtrassen sowie Mittel- und Niederspannungskabel für Verteilnetze, einschließlich Verlegung und Service.
Seit dem Verkauf der Photonics-Sparte an den japanischen Konzern Hamamatsu im Jahr 2024 ist NKT ein reiner Kabelhersteller, und sein Zentrum liegt am technisch anspruchsvollsten Ende des Markts: Hochspannungssysteme, die Strom über Hunderte Kilometer durch See- und Erdkabel transportieren — geliefert samt Verlegung, als schlüsselfertiges Projekt. Dieses Segment Transmission verdient die höchsten Margen im Konzern. Daneben stehen Grid Solutions & Accessories, das Kabelgarnituren und Offshore-Reparaturen bündelt, und Distribution, das Mittel- und Niederspannungskabel für Verteilnetze fertigt. Eine Eigenheit der Branche: NKT weist Umsätze zu standardisierten Metallpreisen aus, um die Schwankungen des Kupferpreises herauszurechnen — erst diese Zahl zeigt, was das Unternehmen tatsächlich verdient hat.
Das Geschäftsjahr 2025 schloss mit 2,72 Milliarden Euro Umsatz und einem operativen EBITDA von 390 Millionen Euro — dem höchsten Wert der Firmengeschichte. 2026 galt zunächst als Übergangsjahr, die ursprüngliche Prognose lag unter dem Vorjahr. Dann kam das zweite Quartal: Der Umsatz sank organisch um neun Prozent, vor allem weil das amerikanische Großprojekt Champlain Hudson Power Express fertiggestellt wurde und aus der Vergleichsbasis fiel — doch die operative Marge stieg auf 15,7 Prozent, im Kerngeschäft Transmission auf 20,2 Prozent. Im August hob das Management die EBITDA-Prognose auf 400 bis 430 Millionen Euro an. Aus dem Übergangsjahr wird voraussichtlich ein weiteres Rekordjahr.
Der Auftragsbestand im Segment Transmission lag Ende Juni bei 13,0 Milliarden Euro — fast das Fünffache des Jahresumsatzes. Darin nicht enthalten: fünf bereits zugeteilte Projekte aus einem Rahmenvertrag mit dem Netzbetreiber TenneT, geschätzter Wert über 2,5 Milliarden Euro. Der größte Einzelposten kam im März 2026 hinzu — Eastern Green Link 3, ein Seekabelprojekt zur Verstärkung des britischen Übertragungsnetzes, bestellt von einem Gemeinschaftsunternehmen aus National Grid und SSEN Transmission, mit über 2,2 Milliarden Euro der größte Auftrag der Firmengeschichte. Dass NKT solche Vorhaben zu Ende bringt, zeigt Champlain Hudson: Die Verbindung liefert seit dem zweiten Quartal Wasserkraftstrom nach New York City.
Den westlichen Markt für Hochspannungskabel teilen im Wesentlichen drei Anbieter unter sich: Prysmian aus Italien, Nexans aus Frankreich und NKT. Der Däne ist mit einer Marktkapitalisierung von umgerechnet rund 6,6 Milliarden Euro der kleinste — und der konzentrierteste. Prysmian, der Weltmarktführer, deckt ein weit breiteres Spektrum ab und investiert zwei Milliarden Dollar bis 2027 in neue Kapazität; auch Nexans baut seine Offshore-Anlagen aus. NKT hält dagegen, was es an Breite nicht hat: keine Sparten fern des Stromkabels, keine Übernahmeintegration, ein Management, das nur über ein Geschäft nachdenken muss. In einem Markt, in dem die Nachfrage die Kapazität auf Jahre übersteigt, war diese Enge bislang kein Nachteil.
Die Rekordmargen der drei Etablierten sind ein Kind der Knappheit — und Knappheit lädt Wettbewerber ein. Hellenic Cables aus Griechenland hat in diesem Jahr einen HVDC-Auftrag gewonnen; NKT-Chef Claes Westerlind nannte den Zuschlag „nicht unerwartet" und sieht die Balance von Angebot und Nachfrage nicht gefährdet. Aus Korea drängen LS Cable und Taihan nach vorn — Taihan baut ein eigenes Seekabelwerk und verbündet sich mit den Verlegespezialisten Jan De Nul und Boskalis, um künftig auch die Installation anbieten zu können. Die chinesischen Hersteller ZTT und Hengtong skalieren bislang vor allem vom Heimatmarkt aus. Noch reicht die Nachfrage für alle. Die Frage ist, wie lange das Wort „noch" trägt.
Auf der Kundenseite stehen Übertragungsnetzbetreiber, die in Jahrzehnten planen — und die Marktenge hat ihre Einkaufslogik verändert. Wer heute ein Kabel ausschreibt, konkurriert mit jedem anderen Netzbetreiber Europas um dieselben Fertigungsfenster. Die Antwort sind Rahmenverträge: Der deutsch-niederländische Betreiber TenneT hat sich bei NKT rund 7.000 Kilometer Gleichstromkabel für fünfzehn Netzanbindungen bis 2032 gesichert, fünf Projekte daraus sind bereits zugeteilt. Für NKT bedeutet das planbare Auslastung über Jahre — und eine neue Form von Abhängigkeit: Wenige Großkunden mit wenigen Mega-Projekten bestimmen das Auftragsbuch. Die Beziehung trägt, solange beide Seiten liefern; sie wird heikel, wenn Genehmigungen stocken und Abrufe nach hinten rutschen.
Die im November 2025 vorgestellte Strategie trägt den Namen Charging Forward und übersetzt den Auftragsbestand in Ziele: mehr als 700 Millionen Euro operatives EBITDA und eine Kapitalrendite von über 20 Prozent im Jahr 2028, mehr als 900 Millionen Euro EBITDA bis 2030. Gemessen am Rekordwert von 390 Millionen aus 2025 ist das nahezu eine Verdopplung binnen drei Jahren — nicht durch neue Märkte, sondern durch das Abarbeiten dessen, was bereits in den Büchern steht. Das ist die ungewöhnliche Lage dieses Unternehmens: Die Wachstumsfrage ist keine Frage der Nachfrage mehr, sondern eine der Fabrikhallen. Wer die Ziele prüfen will, muss keine Absatzprognosen lesen, sondern Baufortschritte.
Der Ausbau ist konkret: In Karlskrona wächst das Hochspannungswerk, der Standort Köln wird erweitert, und ein zweites Kabelverlegeschiff — die NKT Eleonora — liegt zur letzten Ausrüstung in Norwegen; alle drei sollen 2027 einsatzbereit sein. Ein neues Mittelspannungswerk in Dänemark wurde im zweiten Quartal fertiggestellt, eines in Portugal folgt Ende 2026. Das kostet: Der freie Cashflow lag allein im zweiten Quartal bei minus 249 Millionen Euro, und die Anlaufkosten der neuen Anlagen dürften die Marge bis Jahresende um rund zwei Prozentpunkte drücken. Noch trägt die Bilanz das ohne Mühe — Ende Juni stand eine Nettokasse von fast 600 Millionen Euro.
Die geographische Wette liegt in Asien. Gemeinsam mit dem taiwanesischen Kabelkonzern Walsin Lihwa betreibt NKT das Joint Venture Walsin Energy Cable System, das im Dezember 2025 in Kaohsiung die erste Offshore-Kabelfabrik Taiwans eingeweiht hat — früher als geplant, ursprünglich war 2027 angepeilt. Das Werk fertigt Wechselstrom-Seekabel für den lokalen Offshore-Windmarkt. Für NKT ist die Konstruktion doppelt nützlich: Sie öffnet einen asiatischen Wachstumsmarkt, ohne das eigene Kapital in vollem Umfang zu binden, und sie positioniert das Unternehmen in einer Region, in der sonst chinesische Anbieter den natürlichen Heimvorteil hätten. Ob daraus mehr wird als ein Vorposten, entscheidet die Auftragslage der nächsten Jahre.
Die Börse hat ihr Urteil über NKT in eine bemerkenswerte Kurve gelegt: eine Verdopplung des Kurses binnen zwölf Monaten, ein Allzeithoch von 1.135 dänischen Kronen Ende Mai, seither eine Konsolidierung unterhalb dieser Marke. Goldman Sachs illustriert unfreiwillig, wie schwer dieser Aktie beizukommen ist — die Bank stuft NKT seit Monaten mit Sell ein und hob ihr Kursziel dennoch in Etappen von 483 auf zuletzt 809 Kronen: Der Kurs lief davon, die Skepsis blieb. Was der Markt heute bezahlt, sind nicht die 390 Millionen Euro EBITDA von 2025, sondern die mehr als 700 Millionen, die die Strategie für 2028 verspricht. Die Bewertung nimmt vorweg, was die Fabriken erst noch liefern müssen.
Die Gegenrechnung ist nüchtern. Ein Auftragsbestand ist ein Versprechen, keine Marge: Zwischen Vertragsunterschrift und Ergebnisbeitrag liegen Jahre, in denen Genehmigungen stocken können — das Management selbst räumt ein, dass deutsche Großprojekte durch Genehmigungsverzögerungen später kommen könnten. Der freie Cashflow bleibt negativ, solange das Investitionsprogramm läuft. Und die Knappheit, die im Kerngeschäft Margen von zwanzig Prozent erlaubt, ist kein Naturgesetz: Prysmian und Nexans bauen aus, Hellenic Cables hat den Kreis der HVDC-Anbieter bereits erweitert, koreanische und chinesische Hersteller rüsten auf. Produzieren gegen Ende des Jahrzehnts alle neuen Werke gleichzeitig, könnte aus dem Verkäufermarkt schneller ein Käufermarkt werden, als die Ziele für 2030 unterstellen.
Zugleich wäre es eine Verkürzung, NKT auf ein Bewertungsproblem zu reduzieren. Das Unternehmen hat 2026 geliefert, was Skeptiker für unwahrscheinlich hielten: eine Rekordmarge im vermeintlichen Übergangsjahr, eine angehobene Prognose, ein abgeschlossenes Großprojekt in Amerika als Beleg der Ausführungsfähigkeit — und eine Bilanz, die trotz Investitionsprogramm Nettokasse zeigt. Der europäische Netzausbau ist politisch gewollt, reguliert finanziert und auf Jahrzehnte angelegt; belastbarer wird industrielle Nachfrage selten. Wer die Aktie heute kauft, kauft dennoch keine Gegenwart, sondern eine Wette auf die Reihenfolge zweier Kurven: dass NKTs neue Kapazität schneller Ertrag wird, als die Kapazität der anderen den Preis verdirbt. Das Auftragsbuch beantwortet diese Frage nicht — es stellt sie nur mit dreizehn Milliarden Euro Nachdruck.