Nokia ist ein finnischer Netzwerkausrüster, der Mobilfunk-, Festnetz-, IP- und optische Netze für Telekommunikationsbetreiber sowie zunehmend für Cloud- und KI-Rechenzentren liefert und sein Mobilfunk-Patentportfolio lizenziert. Seit Januar 2026 ist der Konzern in die zwei Segmente Network Infrastructure und Mobile Infrastructure gegliedert.
Seit Jahresbeginn 2026 berichtet Nokia in einer neuen Struktur, und der Zuschnitt verrät die Absicht. Network Infrastructure bündelt optische Netze, IP-Router und Festnetzzugang — das Segment, das vom Bau der Rechenzentren leben soll. Mobile Infrastructure fasst Funkzugangsnetze, Kernnetz-Software und die Patentsparte Technology Standards zusammen — das Geschäft mit den Netzbetreibern, das den Konzern trägt, aber kaum noch wächst. Nach den rückgerechneten Zahlen für 2025 setzte Network Infrastructure 7,65 Milliarden Euro um bei 10,1 Prozent operativer Marge, Mobile Infrastructure 11,41 Milliarden bei 13,4 Prozent. Im zweiten Quartal 2026 wuchs der Konzernumsatz um neun Prozent auf 4,8 Milliarden Euro — getrieben fast ausschließlich von der ersten Hälfte dieser Aufstellung.
Der Umsatz mit KI- und Cloud-Kunden hat sich im zweiten Quartal auf 446 Millionen Euro mehr als verdoppelt, der Auftragseingang sprang von einer Milliarde im Vorquartal auf 2,8 Milliarden Euro. Dahinter stehen Namen: Microsoft bezieht im Rahmen eines mehrjährigen Vertrags Router und Switches für seine Azure-Rechenzentren, der KI-Cloudanbieter CoreWeave baut sein Netz mit Nokias IP- und Optikplattformen. Den Zugang zu dieser Kundschaft hat sich Nokia zum Teil gekauft: Die im Februar 2025 abgeschlossene Übernahme des US-Spezialisten Infinera für rund 2,3 Milliarden Dollar vergrößerte das optische Geschäft um etwa 75 Prozent. Im zweiten Quartal wuchsen die optischen Netze um 20, die IP-Netze um 16 Prozent.
Unter dem Strich ist das Bild weniger glatt. Der vergleichbare operative Gewinn stieg im zweiten Quartal um 18 Prozent auf 434 Millionen Euro, eine Marge von neun Prozent — die berichtete operative Marge rutschte dagegen ins Minus, weil Nokia die Restrukturierung beschleunigt. Der freie Cashflow war mit minus 732 Millionen Euro deutlich negativ, belastet von Umbaukosten und Vorräten für das wachsende Geschäft. Dass der Konzern sich das leisten kann, liegt auch an der Patentsparte, deren Lizenzeinnahmen aus Mobilfunkpatenten verlässlich Kasse bringen. Die Jahresprognose wurde dennoch angehoben: 2,1 bis 2,6 Milliarden Euro vergleichbarer operativer Gewinn, nachdem zuvor 2,0 bis 2,5 Milliarden gegolten hatten.
Im angestammten Mobilfunkgeschäft ist die Rangordnung seit Jahren zementiert. Huawei, Ericsson, Nokia, ZTE und Samsung teilen sich 96 Prozent des Weltmarkts für Funkzugangsnetze, wobei Huawei und Ericsson zusammen fast zwei Drittel halten — Nokia ist die Nummer drei. Der Markt selbst wächst kaum noch: Der 5G-Ausbau der großen Betreiber ist in den reichen Ländern weitgehend abgeschlossen, Ericsson selbst erwartet für 2026 einen flachen Markt. Die geopolitische Teilung stabilisiert dieses Bild eher, als dass sie es aufbricht: Huawei bleibt aus westlichen Netzen ausgeschlossen und dominiert dafür China und Teile der Schwellenländer. Wer hier Marktanteile gewinnen will, muss sie dem jeweils anderen skandinavischen Anbieter abnehmen.
Im Wachstumsmarkt heißt der Gegner anders. Bei optischen Transportnetzen kontrollieren Nokia, der US-Anbieter Ciena, Huawei und ZTE nach Daten des Marktforschers Dell'Oro zusammen über 80 Prozent des Markts — und in den westlichen Rechenzentrumsprojekten läuft es meist auf Nokia gegen Ciena hinaus. Ciena hat seine Führungsposition zuletzt ausgebaut und die Umsatzprognose für das laufende Geschäftsjahr auf rund 6,3 Milliarden Dollar erhöht; beide Häuser investieren in Fertigungskapazität, Nokia will seine optische Produktion in den USA verzehnfachen. Der Kampf wird weniger über den Preis geführt als über Lieferfähigkeit und Energieeffizienz der Systeme — wer die Übertragungskapazität zuerst liefern kann, bekommt den Auftrag.
Im August 2026 wurde bekannt, dass Nokia bis Jahresende fast alle Standorte in Festlandchina schließen will, darunter das Forschungszentrum für Funktechnik in Hangzhou mit rund 1.600 Stellen; betroffen ist der Großteil der etwa 7.200 Beschäftigten in Greater China. Die Entscheidung vollzieht nach, was der Markt längst entschieden hatte: Der Umsatz in der Region fiel von rund 2,2 Milliarden Euro im Jahr 2018 auf 913 Millionen im Jahr 2025, verdrängt von Huawei und ZTE auf deren Heimatmarkt. Nokia lässt sich den Schnitt ein Restrukturierungsprogramm von rund 350 Millionen Euro kosten. Die Weltmarktordnung der Netzausrüster zerfällt damit endgültig in zwei Blöcke — und Nokia hat seine Seite gewählt.
Die Neuausrichtung trägt eine Handschrift. Justin Hotard, seit April 2025 Vorstandschef, kam von Intel, wo er das Rechenzentrums- und KI-Geschäft verantwortete, davor leitete er bei Hewlett Packard Enterprise die Sparte für Hochleistungsrechner. Ein Telekommunikationsmann ist er nicht, und genau das war die Botschaft der Personalie. Auf dem Kapitalmarkttag im November 2025 gab er das Ziel aus, den vergleichbaren operativen Gewinn bis 2028 auf 2,7 bis 3,2 Milliarden Euro zu steigern — von rund zwei Milliarden in den vier Quartalen davor. Der Weg dorthin führt erklärtermaßen über den Ausbau der Netzinfrastruktur für Rechenzentren, während das Mobilfunkgeschäft vor allem Cashflow und Patente beisteuern soll.
Im Oktober 2025 stieg NVIDIA mit einer Milliarde Dollar bei Nokia ein, zu 6,01 Dollar je Aktie, was knapp drei Prozent der Anteile entspricht. Das Geld ist dabei weniger wert als das Signal: Der wertvollste Chipkonzern der Welt verbindet sein 6G-Programm mit dem finnischen Ausrüster. Gemeinsam entwickeln beide Unternehmen Mobilfunknetze, in denen die Funkverarbeitung auf GPU-Plattformen läuft und Netzkapazität von künstlicher Intelligenz gesteuert wird — in Finanzkreisen läuft das unter dem Kürzel AI-RAN. Erste Funktionstests laufen mit T-Mobile US, Indosat und SoftBank. Ob daraus ein Markt wird, der die kolportierten Milliardenvolumina erreicht, ist offen; sicher ist, dass Nokia sich damit einen Platz in der Architekturdebatte der nächsten Netzgeneration gekauft hat.
Die größte operative Sorge liegt derzeit nicht auf der Nachfrageseite. Hotard warnte bei Vorlage der Quartalszahlen, dass die Knappheit bei Speicherchips — vor allem DRAM — bis 2027 anhalten dürfte; sie trifft Nokia in dem Moment, in dem volle Auftragsbücher pünktlich abgearbeitet werden müssen. Die Antwort ist eine Umgruppierung der Produktion: Ausbau der optischen Fertigung in den USA, Rückzug aus China, Trennung von Randgeschäften wie den Endkundengeräten für Fixed Wireless Access, die inzwischen als nicht fortgeführte Aktivitäten bilanziert werden. Nokia konzentriert Kapital und Kapazität dorthin, wo die KI-Nachfrage sitzt — und nimmt dafür in Kauf, dass Restrukturierungskosten und Vorratsaufbau die Bilanz des Übergangsjahres sichtbar belasten.
Vom Zwölfmonatstief bei 3,46 Euro im August 2025 ist die Aktie auf rund neun Euro gestiegen, zeitweise notierte sie so hoch wie seit rund anderthalb Jahrzehnten nicht; das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der erwarteten Gewinne hat sich seit Jahresbeginn ungefähr verdoppelt — eine enthusiastische Wette des Marktes. Bezahlt wird damit ein Unternehmen, das es in dieser Form erst noch werden muss: Das Geschäft mit KI- und Cloud-Kunden, der Grund der Rally, stellte im ersten Quartal rund acht Prozent des Konzernumsatzes. Der Vorschuss ist gewaltig, und er ist auf ein einziges Narrativ ausgestellt.
Die Skeptiker müssen dafür keinen Einbruch der KI-Nachfrage unterstellen — es genügt, wenn die Beschleunigung nachlässt. Ein Auftragseingang von 2,8 Milliarden Euro ist ein Quartalswert, kein Trend, und Hyperscaler vergeben ihre Aufträge in Wellen. Zugleich bleibt der größere Umsatzblock ein Plateau: Der Mobilfunkmarkt wächst nicht, und dort sitzt Nokia hinter Huawei und Ericsson auf Platz drei. Der freie Cashflow war zuletzt deutlich negativ, die Chipknappheit dürfte bis 2027 an Kosten und Lieferterminen zerren, und die Konzerngeschichte kennt mehrere ausgerufene Aufbrüche, die in Margendruck endeten. Die Beweislast liegt beim Unternehmen, nicht bei seinen Kritikern.
Auf der anderen Seite ist die Traktion diesmal ungewöhnlich konkret: Microsoft und CoreWeave als benannte Kunden, NVIDIA als Aktionär, eine angehobene Jahresprognose und ein Gewinnziel für 2028, das 35 bis 60 Prozent über dem Ausgangsniveau liegt. Nokia hat sich in seiner Geschichte mehrfach gehäutet, von Papier über Gummistiefel zu Telefonen und Netzen — die Fähigkeit zur Verwandlung ist belegt, ihre Geschwindigkeit nicht. Genau daran entscheidet sich der Fall: Die Frage ist nicht mehr, ob Nokia im KI-Infrastrukturgeschäft ankommt, sondern ob es schnell genug wächst, um eine Bewertung zu tragen, die das Ankommen schon voraussetzt. Zwischen diesen beiden Geschwindigkeiten liegt das Risiko dieser Aktie.