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OHB SE

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OHB SE ist ein Bremer Raumfahrtunternehmen, das als Prime Contractor Satelliten, Trägerraketenstrukturen und sicherheitsrelevante Weltraumsysteme für institutionelle Auftraggeber wie ESA, Europäische Kommission und Bundeswehr entwickelt und baut. Mehrheitseigentümerin ist die Fuchs-Familienstiftung, seit August 2026 notiert die Aktie im SDAX.

01 Das Geschäft

Drei Sparten, ein Kundentyp

OHB SE ist Systemintegrator für die europäische Raumfahrt: Das Bremer Unternehmen trägt als sogenannter Prime Contractor die Gesamtverantwortung für Entwicklung, Bau und Integration komplexer Weltraummissionen. Die operative Struktur gliedert sich in die Sparten Space Systems, Aerospace und Digital, wobei Space Systems den größten Umsatzanteil liefert. Die Kundenbasis ist nahezu vollständig institutionell: ESA, Europäische Kommission, nationale Verteidigungsministerien und seit 2026 auch das Satellitenkonsortium SES als Auftraggeber für das EU-Programm Iris². Historisch verdankt OHB seinen Aufstieg der ersten Generation des Satellitennavigationssystems Galileo, für die das Unternehmen Hauptauftragnehmer war. Die zweite Generation baut es nicht mehr – der Zuschlag ging bereits 2021 an Airbus Defence and Space und Thales Alenia Space, eine Klage dagegen blieb erfolglos.

3,3 Milliarden Auftragsbestand

Finanziell zeigt sich ein durchgehend starkes Bild: 2025 wuchs die Gesamtleistung um 21 Prozent auf 1.247,6 Millionen Euro, das bereinigte EBIT stieg auf 84 Millionen Euro. Im ersten Halbjahr 2026 legte die Gesamtleistung um weitere 11 Prozent auf 627,9 Millionen Euro zu, das bereinigte EBIT sprang um 46 Prozent auf 38,9 Millionen Euro. Der Auftragsbestand erreichte mit 3,3 Milliarden Euro einen Rekordwert, das Management bestätigte die Jahresprognose von 1,4 Milliarden Euro Gesamtleistung. Unter der operativen Stärke verbirgt sich jedoch eine Delle: Der Konzernnettogewinn des zweiten Quartals 2026 fiel von 11,5 auf 4,8 Millionen Euro, weil 22,4 Millionen Euro Einmalkosten der Kapitalerhöhung zu Buche schlugen.

Der abgesagte Rückzug

Die Eigentümerstruktur hat 2026 eine bemerkenswerte Kehrtwende erlebt. KKR war 2023 mit einer strategischen Minderheitsbeteiligung eingestiegen, verbunden mit einem angekündigten Rückzug von der Börse; die Fuchs-Familie sollte OHB als Privatunternehmen weiterführen. Im Januar 2026 kassierte der Vorstand diesen Plan: Kunden schätzten die Transparenz eines börsennotierten Unternehmens, hieß es zur Begründung, zudem sichere der Kapitalmarktzugang künftiges Wachstum. Im Juni folgte die Konsequenz – eine von der Presse als „Re-IPO" bezeichnete Privatplatzierung über 900 Millionen Euro zu 300 Euro je Aktie, die OHB 482 Millionen Euro frisches Kapital brachte und KKRs Anteil auf rund 20 Prozent senkte. Die Fuchs-Familienstiftung hält weiterhin die Kontrollmehrheit, am 13. August 2026 stieg OHB erstmals in den SDAX auf.

02 Der Wettbewerb

Projekt Bromo

Der europäische Wettbewerb konsolidiert sich in einem Ausmaß, das OHBs bisherige Nische verändert. Airbus, Leonardo und Thales unterzeichneten im Oktober 2025 eine Absichtserklärung zur Fusion ihrer Weltraumsparten – Projekt Bromo soll 2027 operativ starten und auf einen Schlag 6,5 Milliarden Euro Umsatz und rund 25.000 Mitarbeiter bündeln. Für OHB ist das eine doppelte Herausforderung: Thales Alenia Space ist bislang ein Partner, mit dem OHB regelmäßig gemeinsam bei ESA- und EU-Ausschreibungen antritt. Fusioniert der Partner mit zwei weiteren Schwergewichten, wird aus dem Konsortialpartner potenziell ein noch größerer Einzelkonkurrent. OHB-Vorstandschef Marco Fuchs äußerte öffentlich Bedenken, ohne den Zusammenschluss offen zu bekämpfen.

SpaceX als Kostenmaßstab

Die größere strukturelle Bedrohung kommt aus den USA. SpaceX hat mit der wiederverwendbaren Falcon-9-Rakete und dem Ausbau von Starlink die globalen Startkosten drastisch gesenkt und den Preismaßstab für die gesamte Branche neu definiert. Als das Unternehmen im Juni 2026 selbst an die Börse ging – mit einer Bewertung von rund 1,8 Billionen Dollar –, geriet sogar die Kursentwicklung europäischer Raumfahrtwerte wie OHB in den Sog des Ereignisses, ohne dass ein fundamentaler Zusammenhang bestand. Europäische Trägersysteme wie Ariane 6 fliegen seltener und teurer. OHB kann diesem Preisdruck im institutionellen Kerngeschäft bislang ausweichen, weil Missionen wie Galileo oder Iris² politisch, nicht rein wirtschaftlich vergeben werden – im kommerziellen Startmarkt jedoch nicht.

Sicherheitsfreigaben als Eintrittsbarriere

Der Markt für sicherheitskritische Raumfahrtsysteme ist zugleich einer der am besten geschützten überhaupt. Aufträge wie Galileo oder militärische Aufklärungssatelliten unterliegen strengen Zertifizierungs- und Geheimhaltungsauflagen, die einen schnellen Marktzutritt neuer, insbesondere außereuropäischer Anbieter praktisch ausschließen. OHB hat sich über Jahrzehnte das Vertrauen europäischer Behörden erarbeitet und verfügt über tief in nationale Sicherheitsarchitekturen integrierte Software- und Kommunikationsprotokolle. Dieser regulatorische Graben schützt das bestehende Geschäft, wirkt aber in beide Richtungen: Er hat OHB auch vor dem eigenen Verlust der zweiten Galileo-Generation nicht bewahrt, weil die Vergabeentscheidung innerhalb desselben geschützten Kreises an die Konkurrenz ging. Der Burggraben sichert die Branche, nicht automatisch den einzelnen Anbieter.

03 Die Strategie

Die Rakete aus Augsburg

Ein zentraler strategischer Pfeiler ist die Beteiligung an der Rocket Factory Augsburg (RFA), die einen eigenen, kostengünstigen Zugang zum All über eine europäische Kleinträgerrakete anstrebt. Nach einer Triebwerksanomalie im Sommer 2024 arbeitete RFA rund 18 Monate an einer technischen Überarbeitung, bevor die RFA ONE zum Startplatz SaxaVord auf den Shetlandinseln transportiert wurde. Ende Juli 2026 entdeckte das Team bei Pad-Tests jedoch ein weiteres technisches Problem, die Rakete wurde wieder demontiert, ein neuer Starttermin steht bis Anfang September nicht fest. Der Erstflug, der sieben vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt koordinierte Satelliten ins All bringen soll, bleibt damit der bislang unbewiesene Baustein der New-Space-Strategie.

Sicherheit als neues Geschäft

Parallel baut OHB unter Vorstandschef Marco Fuchs die Position im wachsenden Markt für militärische und hoheitliche Sicherheitssysteme aus. Der Ukraine-Krieg hat den politischen Willen zu einer unabhängigen europäischen Weltraum-Aufklärung geschärft, und OHB positioniert sich als Partner für Programme wie die Bundeswehr-Satellitenkommunikation SATCOMBw. Der bislang größte Beleg für diese Strategie kam Ende August 2026: Das Satellitenkonsortium SES vergab einen fast eine Milliarde Euro schweren Auftrag über 18 Plattformen für den Mittelerdumlauf-Teil des EU-Sicherheitsnetzes Iris², dessen Gesamtvolumen bei 15,6 Milliarden Euro liegt. Erste Starts sind ab 2029 geplant. Diese Diversifikation weg von der zivilen ESA-Finanzierung hin zu sicherheitspolitisch begründeten, mehrjährig gebundenen Budgets ist die eigentliche Antwort auf den verlorenen Galileo-Anschlussauftrag.

Von Schöneck bis Augsburg

Der dritte Pfeiler ist die Industrialisierung der Fertigung. Im sächsischen Schöneck übernahm OHB 2025 das frühere TechniSat-Werk mit 70 Beschäftigten und produziert dort seit Herbst 2025 in Serie Satellitenkomponenten wie Leiterplatten und Kabelbäume – ein Modell, das OHB nach eigenen Angaben auf weitere Standorte ausweiten will. Ergänzend übernahm der Konzern im Oktober 2025 die restlichen 30 Prozent an der Augsburger Tochter MT Aerospace vom bisherigen Mitgesellschafter Apollo Capital Partners und ist damit alleiniger Eigentümer des größten deutschen Zulieferers für die Ariane-6-Trägerrakete. Beide Schritte – Serienfertigung und vollständige Kontrolle über die Zulieferkette – zielen auf dasselbe Ziel: kürzere Entwicklungszeiten und niedrigere Stückkosten, um im Wettbewerb um große Satellitenkonstellationen bestehen zu können.

04 Die Synthese

Zwischen Mai und September 2026 verlor die OHB-Aktie rund zwei Drittel ihres Wertes, von 688 auf etwa 233 Euro, während der Auftragsbestand im selben Zeitraum auf ein Rekordhoch von 3,3 Milliarden Euro stieg und das bereinigte EBIT im ersten Halbjahr um 46 Prozent zulegte. Diese Kluft zwischen operativer Realität und Kursverlauf ist nicht durch eine einzelne schlechte Nachricht erklärbar – im Gegenteil, der schärfste Tageseinbruch von 8,7 Prozent folgte unmittelbar auf den Milliardenauftrag des Iris²-Konsortiums SES. Der Markt handelt OHB derzeit weniger als Auftragsgeschäft denn als Sentiment-Wette auf New Space: Als SpaceX im Juni an die Börse ging und der Kurs später unter den Ausgabepreis fiel, geriet OHB spürbar mit in den Abwärtssog, obwohl beide Unternehmen operativ kaum etwas verbindet.

Ein Teil der Skepsis ist jedoch hausgemacht und lässt sich nicht wegdiskutieren. Die Kapitalerhöhung vom Juni hat die Aktienzahl verwässert, KKR hält mit rund 20 Prozent weiterhin einen Überhang, und der niedrige Streubesitz von etwa 18 Prozent verstärkt jede Kursbewegung in beide Richtungen. Auch bilanziell zeigt sich der Preis des Wachstums: Der Konzernnettogewinn brach im zweiten Quartal von 11,5 auf 4,8 Millionen Euro ein, weil allein die Transaktionskosten der Platzierung 22,4 Millionen Euro verschlangen. Und jener Teil der Strategie, der OHB unabhängiger von staatlicher Auftragsvergabe machen sollte – die eigene Trägerrakete RFA ONE –, steckt nach der neuerlichen technischen Verzögerung im Juli ohne neuen Starttermin fest. Ausgerechnet der Baustein, der die New-Space-Erzählung tragen sollte, bleibt unbewiesen.

Was bleibt, ist ein Unternehmen mit zwei kaum noch verbundenen Realitäten. Das operative Geschäft – Rekordauftragsbestand, wachsende Margen, ein fast eine Milliarde Euro schwerer Iris²-Vertrag, die vollständige Kontrolle über den wichtigsten Ariane-6-Zulieferer – ist so solide wie selten in der Firmengeschichte. Die Börsenbewertung dagegen hat sich binnen weniger Monate von einer Euphorie ohne Bezug zu den Zahlen in eine Skepsis gedreht, die das operative Wachstum kaum noch würdigt. Analysten mit Kurszielen zwischen 250 und 358 Euro gehen implizit davon aus, dass sich diese Lücke schließt – ob nach oben, weil der Markt die Fundamentaldaten nachträglich anerkennt, oder nach unten, weil sich Verwässerung, Programmkonzentration und eine erneut verschobene Rakete als die eigentlichen Risiken erweisen, ist offen. Wer die Aktie kauft, kauft nicht das Unternehmen von Mai, sondern das von September.