DER OLIGOPOLIST KAUFT SICH BREIT

PRYSMIAN

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Prysmian S.p.A. mit Sitz in Mailand ist der weltweit größte Kabelhersteller. Das Unternehmen produziert Energie- und Telekommunikationskabel — von Hochspannungs-Seekabeln für Stromnetze und Offshore-Windparks bis zur Glasfaser für Datennetze — und erzielte im ersten Halbjahr 2026 einen Umsatz von 11,2 Milliarden Euro.

01 Das Geschäft

Stromautobahnen unter Wasser

Prysmian stellt her, was Strom und Daten leitet: Installationsdraht für Baustellen, Mittelspannungskabel für Verteilnetze, Glasfaser für Telekomkonzerne — und als Königsdisziplin Hochspannungs-Seekabel, die über hunderte Kilometer Wasserstrecke verlegt werden und in eigens gebauten Fabriken über Jahre reservierter Produktionslinien entstehen. Das Geschäft reicht damit von der Stromautobahn (Transmission) über die Verteilnetze (Power Grid) und die Bau- und Industrieverkabelung (Electrification) bis zur Datenleitung (Digital Solutions). Das wertvollste Feld ist die Transmission: 21,2 Prozent EBITDA-Marge im zweiten Quartal, ein Auftragsbestand von rund 17 Milliarden Euro, dazu etwa zwei Milliarden an bereits vergebenen, noch nicht verbuchten Projekten. Wer heute einen Interkonnektor bestellt, reiht sich in eine Warteliste ein, die weit ins nächste Jahrzehnt reicht.

Sechs Milliarden in drei Monaten

Das zweite Quartal 2026 war das beste der Unternehmensgeschichte: 6,02 Milliarden Euro Umsatz bei 9,4 Prozent organischem Wachstum, 730 Millionen Euro bereinigtes EBITDA — ein Fünftel mehr als im Vorjahresquartal —, die Marge stieg von 14,5 auf 15,4 Prozent. Im Halbjahr stehen 11,2 Milliarden Euro Umsatz und 584 Millionen Euro Nettogewinn. Bemerkenswerter als die Zahlen selbst war die Reaktion des Managements: Es hob die Jahresprognose kräftig an, beim bereinigten EBITDA von 2,63 bis 2,78 auf 2,8 bis 2,9 Milliarden Euro, beim freien Cashflow von 1,3 bis 1,4 auf 1,65 bis 1,75 Milliarden. Eine Anhebung dieser Größenordnung zur Jahresmitte ist ein Signal, dass die Nachfrage die eigene Planung überholt hat.

Fünfeinhalb Milliarden auf zehn Jahre

Der neue Wachstumsmotor sitzt ausgerechnet im Segment, das jahrelang als Sorgenkind galt. Digital Solutions, das Glasfasergeschäft, wuchs im zweiten Quartal organisch um 18 Prozent bei 23,8 Prozent EBITDA-Marge — der höchsten im Konzern. Der Treiber sind Rechenzentren für künstliche Intelligenz, die enorme Mengen optischer Verkabelung verschlingen. Im Juli unterzeichnete Prysmian einen Liefervertrag mit dem amerikanischen Verbindungstechnik-Hersteller Molex: 5,5 Milliarden Euro über bis zu zehn Jahre, abgesichert durch 550 Millionen Euro Vorauszahlung. Um liefern zu können, investiert der Konzern 1,25 Milliarden Euro und verdoppelt seine Glasfaserkapazität in den USA, wo er einer von nur drei lokalen Herstellern ist. Bis 2035 soll das Rechenzentrumsgeschäft zehn Milliarden Euro zusätzlichen Umsatz bringen.

02 Der Wettbewerb

Ein Club mit fünf Mitgliedern

Im Hochspannungsgeschäft ist der Markt ein Club: Prysmian, Nexans, NKT, Sumitomo Electric und Hitachi Energy vereinten 2025 rund 60 Prozent des See- und Erdkabelabsatzes auf sich. Die Eintrittskarten sind teuer — Fabriken, deren Bau und Qualifizierung Jahre dauern, Spezialschiffe für die Verlegung, Zertifizierungsverfahren, in denen Netzbetreiber jeden neuen Lieferanten über Jahre prüfen. Der Engpass liegt derzeit nicht bei den Aufträgen, sondern bei Fertigungsslots und hochwertigen Isoliermaterialien; die Wartezeiten verlängern sich entlang der gesamten Kette. In einem solchen Markt diktiert nicht der Käufer die Konditionen, sondern der Lieferant — in Finanzkreisen nennt man das Pricing Power, und sie erklärt einen großen Teil der Margen, die Prysmian derzeit ausweist.

Neue Werke für alle

Alle Mitglieder des Clubs bauen aus. Prysmian investiert rund zwei Milliarden Dollar bis 2027 und verdoppelt unter anderem die Fertigung von 525-Kilovolt-Seekabeln; NKT steckt mehr als eine Milliarde Dollar in seine Hochspannungswerke; Nexans erweitert seine Offshore-Kapazität und gewann im März den Exportkabel-Auftrag für den britischen Windpark East Anglia Three. Noch wächst die Nachfrage schneller als das Angebot — Europas Netzausbau, Offshore-Wind und die amerikanische Netzmodernisierung lasten alle Anbieter gleichzeitig aus. Die offene Frage dieses Jahrzehnts lautet, was geschieht, wenn die parallel entstehenden Fertigungslinien eines Tages auf eine normalisierte Nachfrage treffen. Der Auftragsbestand verdeckt diese Frage. Er beantwortet sie nicht.

Hengtong, ZTT und die Zollmauer

Die Herausforderer kommen aus China. Hengtong und ZTT beherrschen ihren Heimatmarkt und gewinnen mit aggressiven Preisen Ausschreibungen in Südamerika, Südostasien und Afrika. Im westlichen Hochspannungssegment halten die Qualifizierungshürden sie bislang draußen — eine Barriere, die in anderen Industrien schneller fiel, als Analysten erwartet hatten. Dazu tritt inzwischen eine zweite, politische Schranke: Die USA erheben seit August 2025 Zölle von bis zu 50 Prozent auf importierte Kupferprodukte, Kabel eingeschlossen. Für Importeure ist das eine Mauer, für Prysmian, das nach den Zukäufen der letzten Jahre weitgehend lokal in Amerika fertigt, ein Standortvorteil. Der Wettbewerb wird damit zunehmend von Handelspolitik geformt, nicht nur von Technik — und solche Vorteile gelten nur, solange die Politik sie gelten lässt.

03 Die Strategie

Drei Zukäufe in zwei Jahren

Binnen gut zwei Jahren hat Prysmian rund neun Milliarden Dollar für amerikanische Übernahmen ausgegeben: 2024 den Bauverkabelungs-Hersteller Encore Wire für rund vier Milliarden, 2025 den Glasfaser-Anschlusstechnik-Spezialisten Channell für knapp eine Milliarde — und im August 2026 folgte die Ankündigung, Atkore zu kaufen, einen Hersteller von Elektro-Installationsrohren und Kabelführungssystemen mit 2,9 Milliarden Dollar Umsatz. Geboten werden 95 Dollar je Aktie in bar, insgesamt 3,8 Milliarden Dollar, rund 30 Prozent über dem letzten Börsenkurs; der Abschluss ist für Ende 2026 geplant. Prysmian beschreibt sich seither nicht mehr als Kabelhersteller, sondern als Komplettanbieter elektrischer Infrastruktur — ein Vollsortimenter der Elektrifizierung.

Alles aus einer Hand

Die Logik hinter der Serie: Wer in Amerika ein Rechenzentrum oder ein Umspannwerk baut, soll Draht, Kabel, Rohr und Halterung aus einer Hand beziehen — gefertigt im Land, geschützt von Zöllen, verkauft über das mit Encore erworbene Vertriebsnetz. Aus der Atkore-Integration verspricht das Management 150 Millionen Dollar jährliche Synergien bis 2029, vor allem durch gegenseitigen Vertrieb der Produktlinien. Das Kalkül greift ineinander mit dem Molex-Vertrag: Prysmian will an der KI-Infrastruktur doppelt verdienen — am Strom, der in die Rechenzentren hineinfließt, und an den Daten, die herauskommen. Kein anderer westlicher Anbieter deckt beide Seiten dieser Baustelle in dieser Breite ab.

Die Rechnung hinter dem Tempo

Bezahlt wird das Tempo mit der Bilanz. Die Nettoverschuldung lag Ende Juni bei 4,1 Milliarden Euro, noch ohne Atkore; die Übernahme soll zu rund 60 Prozent mit Fremdkapital, zu je etwa 20 Prozent mit Eigenkapital und Hybridanleihen finanziert werden — die Eigenkapitalkomponente verwässert die Altaktionäre, und am Investment-Grade-Rating hängt die Refinanzierung des gesamten Gebäudes. Dagegen steht ein Cashflow, der die Rechnung tragen soll: 1,65 bis 1,75 Milliarden Euro freier Mittelzufluss sind für 2026 avisiert. Für das erste Halbjahr 2027 hat das Management einen Kapitalmarkttag angekündigt, auf dem der vergrößerte Konzern seine neuen Ziele vorlegen will. Dann bekommt die Einkaufsserie ihren Preiszettel.

04 Die Synthese

Vor einem Jahr lautete die Frage an Prysmian, ob nach dem Offshore-Boom eine zweite Wachstumsgeschichte kommt. Sie kam, und zwar doppelt: organisch über das Rechenzentrumsgeschäft, das dem Konzern das beste Quartal seiner Geschichte und eine kräftig angehobene Prognose bescherte — und anorganisch über eine Übernahmeserie, die aus dem Kabelhersteller einen Vollsortimenter der amerikanischen Elektrifizierung macht. Die Börse honoriert das erste und zögert beim zweiten: Auf Jahressicht hat die Aktie rund 64 Prozent gewonnen, notiert aber gut 20 Prozent unter ihrem Mai-Hoch, und am Tag der Atkore-Ankündigung gab der Kurs nach. Der Markt applaudiert dem Operativen und misstraut dem Einkaufszettel.

Das Misstrauen hat Substanz. Rund neun Milliarden Dollar sind binnen zwei Jahren in Geschäfte geflossen, die zyklischer und schwächer geschützt sind als das Seekabel-Oligopol — Installationsrohre und Baudraht kennen weder jahrelange Zertifizierungsverfahren noch die spezialisierten Fabriken, die das Transmission-Geschäft abschirmen. Atkore wird mit 30 Prozent Aufschlag bezahlt, erstmals fließt dafür auch Eigenkapital, und drei Integrationen laufen parallel zu Großprojekten, bei denen jeder Verlegefehler Vertragsstrafen kostet. Dazu hängt der neue Wachstumsmotor am Investitionszyklus der KI-Konzerne: Kühlt deren Bautempo ab, träfe das die Molex-Volumina und die Rechenzentrumsnachfrage von Atkore gleichzeitig. Bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 26 ist wenig davon verziehen.

Das Spannungsfeld dieses Falls liegt damit nicht zwischen Qualität und Bewertung — es liegt im Unternehmen selbst. Der Kern, das Transmission-Geschäft mit seinem 17-Milliarden-Auftragsbestand, ist so gut geschützt wie kaum ein zweites Industriegeschäft in Europa; er allein rechtfertigt eine Prämie. Die Frage ist, ob die neue Breite diesen Kern ergänzt oder verdünnt: ob aus Kabel, Rohr und Glasfaser eine Plattform wird, deren Teile einander verkaufen helfen, oder ein Konglomerat, dessen Durchschnittsmarge sinkt, während die Schulden steigen. Prysmian hat mit Encore gezeigt, dass es integrieren kann. Ob es drei Baustellen gleichzeitig kann, bei laufendem Rekordbetrieb, wird sich erst zeigen, wenn Atkore konsolidiert und der Kapitalmarkttag 2027 abgehalten ist. Wer heute kauft, kauft dieses Versprechen mit.