DER EIGENE GEGENWIND

RIO TINTO

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Rio Tinto ist einer der weltgrößten diversifizierten Bergbaukonzerne und fördert Eisenerz, Kupfer, Aluminium sowie Lithium; den Großteil seines Ergebnisses erzielt das Unternehmen weiterhin aus der westaustralischen Pilbara-Region.

01 Das Geschäft

Die Maschine in der Pilbara

Das Fundament bleibt die Pilbara-Region in Westaustralien, wo Rio Tinto Eisenerz zu Kosten fördert, mit denen kaum ein Wettbewerber mithalten kann. Im ersten Halbjahr 2026 stieg die Produktion auf 170 Millionen Tonnen, die höchste Halbjahresmenge seit dem Rekordjahr 2018, bei Förderkosten von weiterhin 23,50 bis 25,00 US-Dollar je Tonne. Das Segment erwirtschaftete ein bereinigtes EBITDA von 6,8 Milliarden US-Dollar – nach wie vor der größte Einzelbeitrag zum Konzernergebnis. Doch sein Anteil schrumpft: Auf rund 60 Prozent ist er gesunken, vor wenigen Jahren war es deutlich mehr. Die Maschine läuft so effizient wie eh und je, trägt den Konzern aber nicht mehr allein.

Kupfer holt auf

Während Eisenerz relativ steht, wächst Kupfer sprunghaft. Im ersten Halbjahr 2026 kletterte das bereinigte EBITDA des Kupfersegments um 84 Prozent auf 5,7 Milliarden US-Dollar, getrieben von hohen Preisen und dem Hochlauf der Untertagemine Oyu Tolgoi in der Mongolei, deren Fördermenge im Jahresvergleich um 31 Prozent zulegte. Rio Tinto hält an Oyu Tolgoi über eine komplexe Beteiligungsstruktur fest, an der die mongolische Regierung über die Staatsgesellschaft Erdenes Mongol mit 34 Prozent beteiligt ist – und die seit Jahren um höhere und frühere Ausschüttungen ringt. Kupfer, Aluminium und Lithium lieferten im ersten Halbjahr zusammen bereits mehr als die Hälfte des Konzern-EBITDA.

Eine teurere Bilanz

Die finanzielle Basis für diesen Umbau ist teurer geworden. Die im März 2025 abgeschlossene, 6,3 Milliarden US-Dollar schwere Übernahme von Arcadium Lithium ließ die Nettoverschuldung binnen eines Jahres auf 14,4 Milliarden US-Dollar steigen, die Verschuldungsquote kletterte von 9 auf 18 Prozent. Zugleich zahlt der Konzern großzügig aus: Die Zwischendividende für 2026 stieg auf 211 US-Cent je Aktie, nach 148 Cent im Vorjahreszeitraum, gestützt von einem freien Cashflow, der im ersten Halbjahr um 75 Prozent auf 3,83 Milliarden US-Dollar zulegte. Die alte Formel – strenge Kapitaldisziplin, hohe Ausschüttung – gilt weiter, nur ist der Puffer, mit dem sie unterlegt ist, sichtbar dünner geworden.

02 Der Wettbewerb

Ein Preis unter Druck

Im Eisenerz ist der Wettbewerb ein enges Oligopol aus Rio Tinto, BHP, Fortescue und der brasilianischen Vale, dessen Grenzen durch die schiere Kapitalintensität der Infrastruktur gezogen werden – niemand baut mal eben eine zweite Eisenbahn durch die Pilbara. Rio Tinto verteidigt darin die Position als Kostenführer. Doch der Markt selbst gerät unter Druck: 2026 fiel der Eisenerzpreis unter 100 US-Dollar je Tonne, die meisten Analysten erwarten ein weiteres Absacken in Richtung 90 US-Dollar, pessimistische Stimmen sogar bis in die 70er-Region. Ausgerechnet Rio Tintos eigenes Simandou-Projekt in Guinea trägt zu diesem Überangebot bei – der Konzern konkurriert damit teilweise gegen die eigene Preissetzungsmacht in Australien.

Verhandlungen mit Regierungen

Bei Kupfer trifft Rio Tinto zunehmend auf staatliche Miteigentümer statt auf klassische Wettbewerber. In der Mongolei fordert die Regierung über Erdenes Mongol eine deutlich größere Beteiligung an den Erträgen aus Oyu Tolgoi und frühere Ausschüttungen, als der bestehende Vertrag vorsieht; im Juni 2026 einigte man sich immerhin auf einen angepassten Darlehenszins und darauf, die offene Frage der Entrée-Minenpachtflächen gemeinsam zu klären, die Kernfrage der Ertragsverteilung blieb ungelöst. Ähnliche Verhandlungsmacht souveräner Partner prägt zunehmend auch andere Kupferregionen. Wer heute neue Lagerstätten erschließen will, verhandelt nicht mehr nur mit Wettbewerbern um Marktanteile, sondern mit Regierungen um die Verteilung des Ertrags.

Rückstand bei Batteriemetallen

Im Rennen um Batteriemetalle bleibt Rio Tinto der Nachzügler unter den großen Bergbaukonzernen. Die 2025 für 6,3 Milliarden US-Dollar übernommene Arcadium Lithium sollte diesen Rückstand verkürzen, doch das serbische Jadar-Projekt, einst als Kronjuwel gehandelt, liegt seit November 2025 auf Eis – blockiert durch anhaltende Proteste, ausbleibende Genehmigungen und mutmaßliche Desinformationskampagnen. Der Schwerpunkt verschiebt sich damit fast vollständig nach Südamerika: Für das Rincón-Projekt in Argentinien sicherte sich der Konzern 2026 ein Finanzierungspaket von 1,175 Milliarden US-Dollar internationaler Entwicklungsbanken und verschiffte erste Mengen. Gegen spezialisierte Lithiumproduzenten bleibt der Vorsprung dennoch schmal.

03 Die Strategie

Ein neuer Zuschnitt

Mit Simon Trott, der im August 2025 die Nachfolge von Jakob Stausholm als Vorstandschef antrat, hat Rio Tinto einen früheren Eisenerz-Chef an der Spitze, der den Konzern konsequent verschlankt. Der Betrieb wurde in drei Sparten neu geordnet – Eisenerz, Aluminium mit Lithium sowie Kupfer –, und mehrere Projekte wurden auf den Prüfstand gestellt. Das serbische Jadar-Lithiumprojekt fiel dieser Disziplin zum Opfer: Trott begründete die Aussetzung mit fehlendem Genehmigungsfortschritt und der Notwendigkeit, Kapital dorthin zu lenken, wo Projekte tatsächlich vorankommen. Die neue Linie lautet weniger, dafür verlässlichere Wachstumsprojekte statt einer Vielzahl paralleler Wetten.

Zwei Konsortien in Guinea

Das teuerste und größte dieser Wachstumsprojekte bleibt Simandou in Guinea, das seit Ende 2025 erste Verschiffungen liefert. Rio Tinto hält seinen Anteil über die Simfer-Partnerschaft mit einem von Chinalco geführten Konsortium chinesischer Staatsunternehmen, während ein zweites, unabhängiges Konsortium eigene Blöcke und einen eigenen Hafen betreibt. Ein tödlicher Arbeitsunfall im Februar 2026 zwang den Konzern zu einem vorübergehenden Baustopp und rückte die politische Fragilität des Standorts ins Bewusstsein. Die permanente Brechanlage soll planmäßig in der zweiten Jahreshälfte 2026 anlaufen, der konzerneigene Hafen erst Anfang 2027 – bis dahin verschifft Rio Tinto über die Infrastruktur des Konkurrenzkonsortiums.

Wachstum in mehreren Takten

Parallel treibt der Konzern den Ausbau bei Kupfer und Lithium voran, um die Ertragsbasis über den Zyklus hinweg zu verbreitern. Oyu Tolgoi soll in den kommenden Jahren zu einer der größten Kupferminen der Welt heranwachsen, während in Argentinien am Rincón-Projekt bereits erste kommerzielle Mengen aus der Startanlage verschifft werden, während die mit 1,175 Milliarden US-Dollar international finanzierte große Ausbaustufe erst ab 2028 anlaufen und danach über mehrere Jahre hochgefahren werden soll. In der Pilbara setzt Rio Tinto weiter auf autonome Züge, Lkw und Bohranlagen, um sinkende Erzgehalte älterer Minen durch Effizienz auszugleichen. Wachstum entsteht damit nicht mehr aus einem einzigen Rohstoff, sondern aus der Summe mehrerer, langsamerer Projekte.

04 Die Synthese

Rio Tinto steht im September 2026 finanziell so gut da wie lange nicht. Das erste Halbjahr brachte den höchsten Gewinn seit vier Jahren, die Aktie markierte ein Allzeithoch, und die Zwischendividende wuchs um 43 Prozent. Der Portfolio-Umbau, den frühere Vorstände seit Jahren ankündigten, zeigt inzwischen tatsächlich Wirkung: Kupfer, Aluminium und Lithium liefern zusammen mehr als die Hälfte des operativen Ergebnisses, während Eisenerz allein trägt, was früher der ganze Konzern trug. Unter dem neuen Vorstandschef Simon Trott wirkt das Unternehmen fokussierter als zuvor – weniger parallele Großprojekte, dafür eine klarere Priorisierung dessen, was tatsächlich vorankommt.

Unter dieser Oberfläche verschieben sich jedoch die Risiken, statt zu verschwinden. Der Eisenerzpreis ist 2026 unter 100 US-Dollar je Tonne gefallen, und ein wesentlicher Teil des Überangebots stammt aus Simandou – Rio Tintos eigenem Vorzeigeprojekt, das damit teilweise gegen die Preissetzungsmacht der eigenen Pilbara-Minen arbeitet. Die Arcadium-Übernahme hat die Nettoverschuldung binnen eines Jahres auf annähernd das Dreifache steigen lassen und die Verschuldungsquote auf 18 Prozent getrieben. Und in Guinea wie in der Mongolei bleiben die politischen Verhältnisse ungeklärt: ein tödlicher Unfall in Nzérékoré im Februar, ein seit Jahren schwelender Verteilungsstreit mit der mongolischen Regierung um Oyu Tolgoi, der auch im Sommer 2026 nur teilweise beigelegt wurde.

Für Anleger ergibt sich daraus eine Wette mit zwei unterschiedlichen Zeithorizonten. Kurzfristig liefert der Konzern, was der Markt sehen will: steigende Gewinne, steigende Dividenden, ein diversifizierteres Ertragsprofil. Mittelfristig aber hängt die Investitionsthese davon ab, ob genau jene Projekte, die dieses Wachstum tragen sollen – Simandou, Oyu Tolgoi, Rincón –, ihre politischen und bilanziellen Kosten nicht am Ende teurer machen, als es die heutigen Rekordzahlen erahnen lassen. Wer in Rio Tinto investiert, kauft damit weniger einen Rohstoffkonzern im Gleichgewicht als ein Unternehmen mitten in einem Umbau, dessen Rechnung erst in den kommenden Jahren vollständig aufgeht – oder eben nicht.