Die Salzgitter AG ist ein deutscher Stahl- und Technologiekonzern mit den Kernbereichen Flachstahl, Grobblech- und Profilstahlerzeugung, Röhrenfertigung über die Mannesmann-Gruppe, weltweitem Stahlhandel sowie Abfüll- und Verpackungstechnik über die KHS-Gruppe; über eine Minderheitsbeteiligung an der Aurubis AG ist der Konzern zudem am Kupfergeschäft beteiligt.
Der Salzgitter-Konzern gliedert sich in die Sparten Flachstahl, Grobblech und Profilstahl, die Röhrensparte Mannesmann, den weltweiten Stahlhandel und das Abfüll- und Verpackungsgeschäft der KHS-Gruppe. Im ersten Halbjahr 2026 erzielte er einen Außenumsatz von 4,6 Milliarden Euro, knapp unter dem Vorjahreswert von 4,7 Milliarden Euro. Das Mengengeschäft selbst hat sich damit kaum belebt; der Konzern wuchs nicht, er wurde profitabler. Für das Gesamtjahr hält der Vorstand an seiner Prognose von rund 10 Milliarden Euro Umsatz fest, verbunden mit einem EBITDA-Ziel von 725 bis 825 Millionen Euro und einem Ergebnis vor Steuern zwischen 325 und 425 Millionen Euro.
Das Ergebnis vor Steuern – bereinigt um Bewertungseffekte der im Oktober 2025 ausgegebenen Wandelanleihe (EBT VX) – drehte im ersten Halbjahr von minus 83,8 Millionen auf plus 257,6 Millionen Euro, das EBITDA VX stieg von 116,8 auf 459 Millionen Euro. Getragen wurde diese Wende vor allem von einem außerordentlich hohen Ergebnisbeitrag der Aurubis-Beteiligung sowie von 97 Millionen Euro nachhaltigen Einsparungen aus dem Effizienzprogramm P28, das für das Gesamtjahr 122 Millionen Euro anpeilt. Für sich genommen blieb das zweite Quartal jedoch ein Verlustquartal: minus 0,75 Euro je Aktie, nach minus 1,02 Euro im Vorjahresquartal. Die Verbesserung ist real, aber sie ist eine Verbesserung des Verlusts, nicht bereits ein tragfähiger Gewinn aus dem eigentlichen Stahlgeschäft.
Seit dem 1. Juni 2026 gehört das Hüttenwerk Krupp Mannesmann in Duisburg vollständig zu Salzgitter, nachdem der Konzern die Anteile der bisherigen Miteigentümer Thyssenkrupp Steel und Vallourec übernommen hat. Für das Werk mit rund 3.000 Beschäftigten plant Salzgitter einen tiefgreifenden Umbau: Investiert werden soll in einen Elektrolichtbogenofen, der die CO2-Emissionen am Standort langfristig um bis zu 90 Prozent senken soll; die Belegschaft soll im gleichen Zeitraum auf etwa 1.000 Mitarbeiter schrumpfen, nach Unternehmensangaben sozialverträglich über Vorruhestand und Abfindungen. Die Komplettübernahme ist damit zugleich ein Konsolidierungs- und ein Schrumpfungsschritt in einem.
Im europäischen Stahlmarkt bleibt Salzgitter einer von wenigen verbliebenen Akteuren neben ArcelorMittal und Thyssenkrupp Steel, nachdem sich die Branche über Jahre konsolidiert hat. Der Analystendienst Jefferies zählte Salzgitter im Sommer 2026 zu den am besten positionierten europäischen Stahlwerten, neben Thyssenkrupp, ArcelorMittal und drei Edelstahlproduzenten. Alle drei großen Häuser verfolgen im Kern dieselbe Antwort auf denselben Druck: eigene Programme zur Dekarbonisierung der Hochofenroute, jedes mit eigenem Zeitplan und eigenen Rückschlägen. Auch ArcelorMittal etwa investiert 1,3 Milliarden Euro in einen neuen Elektrolichtbogenofen im französischen Dünkirchen, der ab 2029 produzieren soll – ein Beleg dafür, dass der Wettlauf um grünen Stahl branchenweit läuft und Salzgitter keinen Alleinstellungsvorsprung besitzt.
Der Importdruck aus Asien, lange das zentrale Wettbewerbsproblem, hat sich 2026 regulatorisch verschoben. Die neue EU-Stahlverordnung begrenzt die jährliche Einfuhrquote auf 18,3 Millionen Tonnen und soll den Importanteil am europäischen Markt von rund 25 auf etwa 15 Prozent senken. Parallel dazu wird der CO2-Grenzausgleichsmechanismus CBAM ab 2026 kostenpflichtig, sodass Importeure für den CO2-Gehalt ihrer Stahlprodukte zahlen müssen. Für Salzgitter bedeutet das einen regulatorischen Rückenwind, der die eigenen, energieintensiven Transformationskosten teilweise kompensieren könnte. Ob die Maßnahmen tatsächlich greifen oder von Handelspartnern über Ausnahmeregeln und Umgehungsrouten unterlaufen werden, ist zum jetzigen Zeitpunkt offen.
Anders als reine Stahlkonzerne verfügt Salzgitter mit der KHS-Gruppe über ein zweites Standbein außerhalb der Schwerindustrie: Abfüll- und Verpackungsanlagen für die Getränkeindustrie, ein Geschäft mit eigenem Konjunkturzyklus und eigenen Kunden in aller Welt. Auf der Stahlseite zählen die Bauwirtschaft und die Automobilindustrie zu den wichtigsten Abnehmerbranchen, beide seit Jahren mit gedämpfter Nachfrage in Deutschland. Diese Streuung über Sparten mit unterschiedlichen Zyklen unterscheidet Salzgitter von reinrassigen Stahlkonzernen wie ArcelorMittal, macht das Unternehmen im Einzelfall aber auch schwerer einzuschätzen: Wer in Salzgitter investiert, kauft nicht nur eine Wette auf Stahl, sondern auch auf Getränkeabfüllanlagen und, über die Beteiligung, auf Kupfer.
Das Umbauprogramm SALCOS befindet sich in seiner ersten Stufe: Direktreduktionsanlage, Elektrolichtbogenofen und eine 100-Megawatt-Elektrolyseanlage sind beauftragt, der erste grüne Stahl soll wegen einer Bauverzögerung beim Elektrolichtbogenofen nun 2027 statt Ende 2026 fließen. Für diese erste Stufe investiert Salzgitter zwischen 2,2 und 2,4 Milliarden Euro, davon rund 1 Milliarde Euro aus Fördermitteln von Bund und Land Niedersachsen. Voll ausgebaut benötigt die Anlage jährlich rund 150.000 Tonnen Wasserstoff; die eigene Elektrolyse liefert davon nur einen Bruchteil, den Rest muss der Konzern extern beschaffen, unter anderem über einen Vorvertrag mit Uniper, der ab 2028 bis zu 20.000 Tonnen pro Jahr aus Wilhelmshaven vorsieht. Die Lücke zwischen Bedarf und gesicherter Lieferung bleibt beträchtlich.
Die zweite und dritte Ausbaustufe von SALCOS hat der Vorstand dagegen um rund drei Jahre verschoben; die Investitionsentscheidung fällt nun erst 2028 oder 2029 statt wie ursprünglich geplant 2026. Begründet wird dies mit einer seit 2022 spürbar verschlechterten wirtschaftlichen und regulatorischen Lage – eine bemerkenswert offene Formulierung für ein Unternehmen, das seine Transformation zugleich als alternativlos beschreibt. Die Verschiebung setzt rund eine Milliarde Euro an Investitionsmitteln frei, die stattdessen in das parallel laufende Kostensenkungsprogramm P28 fließen können, das langfristig 575 Millionen Euro an nachhaltigen Einsparungen erreichen soll und davon bislang rund 350 Millionen Euro realisiert hat.
Anfang 2025 hatte der Großaktionär GP Günter Papenburg gemeinsam mit dem Recyclingunternehmen TSR ein Übernahmeangebot von 18,50 Euro je Aktie vorgelegt; der Vorstand lehnte es im April 2025 wegen zu unterschiedlicher Wertvorstellungen ab. Papenburg reduzierte daraufhin seinen Anteil bis Ende 2025 von knapp 30 auf 16 Prozent, womit das Land Niedersachsen mit 26,5 Prozent wieder größter Einzelaktionär wurde. Zur Finanzierung der Transformation gab Salzgitter zudem im Oktober 2025 eine bis 2032 laufende Wandelanleihe über 500 Millionen Euro aus, wandelbar in bis zu 7,5 Prozent des Kapitals der Aurubis AG – ein Teilverkauf der Beteiligung auf Raten, der Kapital freisetzt, ohne den Einfluss sofort ganz aufzugeben.
Das erste Halbjahr 2026 liest sich wie eine Bestätigung des eingeschlagenen Kurses. Der Aktienkurs hat sich seit seinem Jahrestief mehr als verdoppelt und notiert Mitte September bei rund 51 Euro – deutlich über den 18,50 Euro, die der Vorstand im Frühjahr 2025 als zu niedrig zurückwies. Hinzu kommt regulatorischer Rückenwind: engere EU-Importquoten und ein kostenpflichtiger CBAM-Mechanismus verschieben das Kräfteverhältnis gegenüber asiatischen Anbietern zugunsten der europäischen Hochofenroute, zumindest auf dem Papier. Wer die Ablehnung des Übernahmeangebots im Nachhinein bewertet, kann kaum zu einem anderen Schluss kommen, als dass sie richtig war.
Doch der Blick unter die Halbjahreszahlen relativiert diesen Eindruck. Der Ergebnissprung stammt überproportional aus der Aurubis-Beteiligung und aus Kosteneinsparungen, nicht aus einer breiten Erholung der Stahlnachfrage; für sich genommen war das zweite Quartal erneut ein Verlustquartal. Gleichzeitig verschiebt der Konzern die zweite und dritte Stufe seiner eigenen Transformation um drei Jahre und begründet das mit genau jenen wirtschaftlichen und regulatorischen Bedingungen, die der Kursrally angeblich zugutekommen – ein Widerspruch, der zumindest Fragen aufwirft. Und selbst die bereits gebaute erste Stufe hängt an einer Wasserstoffversorgung, von der bislang nur ein Bruchteil gesichert ist.
Ob der Markt mit seinem gemischten Bild also recht hat, lässt sich derzeit nicht entscheiden: Ein Teil der Analysten sieht die Aktie mit Kurszielen um 43 Euro bereits ausgereizt, ein anderer Teil, etwa die Bank of America mit einem Kursziel von 71 Euro, rechnet mit deutlich mehr. Beide Seiten stützen sich auf dieselben Zahlen und kommen zu entgegengesetzten Schlüssen darüber, ob der Aurubis-Effekt ein einmaliger Bonus oder ein struktureller Bestandteil des Geschäftsmodells ist. Salzgitter hat 2026 bewiesen, dass es aus einer schwachen Ausgangslage ein besseres Ergebnis herausholen kann – ob daraus ein tragfähiges Geschäftsmodell für grünen Stahl wird, bleibt eine offene Wette, deren Ausgang frühestens Ende des Jahrzehnts feststeht.