Die SAP SE mit Sitz in Walldorf ist der weltgrößte Anbieter von Unternehmenssoftware und der größte europäische Softwarehersteller; ihre Systeme steuern für Konzerne weltweit Buchhaltung, Logistik, Personalwesen und weite Teile des operativen Geschäfts, zunehmend als Cloud-Abonnement statt als installierte Lizenz.
Im zweiten Quartal 2026 wuchs der SAP-Konzernumsatz um elf Prozent auf 9,88 Milliarden Euro, während der Cloud-Umsatz mit 6,3 Milliarden Euro um 24 Prozent zulegte. Noch deutlicher beschleunigte die Cloud-ERP-Suite, das eigentliche Herzstück des Geschäfts, mit einem Plus von 29 Prozent auf 5,53 Milliarden Euro. Der aktuelle Cloud-Auftragsbestand, die verlässlichste Kennzahl für künftige Umsätze, kletterte um 26 Prozent auf rund 23 Milliarden Euro, nach zwei Quartalen, in denen dieses Wachstum hinter dem Umsatzwachstum zurückgeblieben war. Das Management selbst sprach von einer Trendumkehr. Getrübt wurde das Bild nur durch eine leichte Senkung der Gewinn-Guidance für 2026, ausdrücklich begründet mit den Kosten zweier frischer Akquisitionen.
Der eigentliche Wachstumsmotor ist kein Verkaufserfolg, sondern ein Kalenderdatum: Am 31. Dezember 2027 endet die reguläre Wartung für die alte Business Suite 7, besser bekannt als ECC. Wer nicht die kostenintensive erweiterte Wartung bis 2030 bucht, muss bis dahin auf S/4HANA umgestiegen sein. Ende 2024 hatten laut Gartner erst rund 39 Prozent der ECC-Kunden diesen Schritt vollzogen, knapp die Hälfte der Basis droht 2027 noch auf dem alten System zu sitzen. SAP selbst beziffert das daraus resultierende Zusatzumsatzpotenzial bis 2027 auf fünf bis zehn Milliarden Euro. Es ist ein Wachstumstreiber, den kein Wettbewerber kopieren kann, weil er nicht aus Überzeugung, sondern aus Zwang entsteht.
Parallel zum Cloud-Wachstum baut SAP die eigene Belegschaft um. Rund 10.000 Stellen, etwa jede zehnte im Konzern, sollen im Zuge eines Restrukturierungsprogramms wegfallen; künftig soll der Abbau von bis zu 2.200 Stellen pro Jahr zur Routine werden. Finanzvorstand Dominik Asam verglich die wiederkehrenden Einschnitte öffentlich mit Zähneputzen und musste die Formulierung später als „unglücklich ausgedrückt" bedauern. Der Vorsitzende des europäischen Betriebsrats, Andreas Hahn, warf dem Management vor, die Maßnahme ziele eher auf kurzfristige Finanzziele als auf strategische Transformation. Offiziell sind mit dem KI-Umbau keine gezielten Entlassungen verbunden, doch die Rollen verschieben sich spürbar: weniger klassische Entwicklung, mehr Datenwissenschaft für die neuen Agentensysteme.
SAPs Anwendungsgeschäft wuchs zuletzt um 27 Prozent auf 5,1 Milliarden Dollar und ließ damit Workday (plus 16 Prozent auf rund zwei Milliarden) und Oracles Cloud-Apps-Sparte (plus neun Prozent auf 3,6 Milliarden) hinter sich. Bemerkenswerter als die Zahlen ist die Konvergenz der Botschaften: Auf den Hauskonferenzen von SAP, Microsoft, Salesforce, Oracle, ServiceNow und Workday im Jahr 2026 unterschied sich weniger, was die Anbieter versprachen, als wie ähnlich sie es taten – jeder positioniert sich inzwischen als Plattform für autonome KI-Agenten. Workday öffnet sein System für externe Entwicklerwerkzeuge, ServiceNow verkauft sich als „KI-Kontrollturm", SAP verlangt von Partnern die Anbindung über den eigenen Business Accelerator Hub.
Gegenüber den amerikanischen Hyperscalern positioniert sich SAP als Anbieter digitaler Souveränität, gebündelt in einer neuen „EU AI Cloud" und der eigenen Tochter Delos Cloud für den deutschen öffentlichen Sektor. In einem Umfeld aus US-Zöllen, dem CLOUD Act und dem seit 2025 vollständig anwendbaren EU Data Act ist das ein Verkaufsargument, das laut einer Lünendonk-Studie für 78 Prozent der befragten IT-Chefs inzwischen Priorität hat. Kommentatoren weisen allerdings darauf hin, dass auch SAPs eigene Sovereign Cloud die rechtliche Zugriffsmöglichkeit US-amerikanischer Behörden nicht vollständig ausschließt, sondern lediglich organisatorisch trennt – ein Unterschied, der im Ernstfall entscheidend sein könnte.
SAP unterhält tiefe technische Partnerschaften mit AWS, Microsoft Azure, Google Cloud und IBM Cloud, die im Rahmen des gemeinsamen Programms „Project Embrace" eigens entwickelte Referenzarchitekturen für SAP-Workloads betreiben. Genau diese Nähe hat jedoch eine zweite Seite: Im Rahmen einer gemeinsamen Initiative lässt AWS Beratungshäuser wie Accenture und Deloitte KI-Agenten direkt auf Basis von SAP-Daten und der hauseigenen Bedrock-Plattform bauen – außerhalb von SAPs eigenem Joule-Ökosystem. Die Partner, die SAP zur Marktdurchdringung braucht, sind damit potenziell dieselben Akteure, die eine schlankere, anbieterunabhängige KI-Schicht über den SAP-Daten errichten könnten, mit denen sie SAP eigentlich beliefern sollen.
Das Herzstück der Strategie heißt „Business AI": Der Assistent Joule bietet inzwischen mehr als 40 Agenten und 2.400 einzelne Fähigkeiten, gestützt auf die unternehmenseigene Business Data Cloud. Die Kluft zwischen Angebot und Nutzung ist trotzdem groß. Nur rund drei Prozent der SAP-Kunden setzen Joule bereits produktiv ein, während 77 Prozent der Unternehmen, die aktiv mit KI arbeiten, dafür Lösungen außerhalb von SAP verwenden. Ein struktureller Grund: Joule setzt einen RISE- oder GROW-Vertrag voraus, während Microsofts Copilot über bestehende Office-Lizenzen praktisch voraussetzungslos verfügbar ist. Reichweite und tatsächliche Nutzung fallen bei SAPs KI-Strategie bislang deutlich auseinander.
Um diese Lücke zu schließen, kaufte SAP im Mai 2026 für zusammen rund eine Milliarde Euro den Data-Lakehouse-Anbieter Dremio und das KI-Labor Prior Labs. Dremio bringt eine offene, auf Apache Iceberg basierende Architektur in die Business Data Cloud und erlaubt es, fremde Datenquellen anzubinden, ohne sie physisch zu SAP zu verschieben. Prior Labs wiederum entwickelt sogenannte Tabular Foundation Models – KI-Modelle, die nicht auf Text, sondern auf strukturierten Tabellendaten trainiert sind, wie sie in jedem ERP-System anfallen. Die Wette dahinter: Wer die Datenschicht kontrolliert, kontrolliert auch, welche KI-Agenten darauf sinnvoll arbeiten können – ganz gleich, wer sie baut.
Wie unsicher der Markt diese Wette einschätzt, zeigte sich, als Vorstandschef Christian Klein in einem Interview erklärte, in drei bis vier Jahren werde bei SAP „vielleicht niemand mehr" klassisch Software entwickeln – generative KI werde diese Arbeit weitgehend übernehmen. Die Aktie fiel danach, verstärkt durch eine parallele Kurszielsenkung von Jefferies, um mehr als ein Prozent und zählte an diesem Tag zu den größten Verlierern im DAX. Nicht alle Analysten teilten die Nervosität: Piper Sandler bekräftigte trotz der Aussage ihre Kaufempfehlung mit Kursziel 220 Euro und argumentierte, SAP entgehe dem branchenweiten Bewertungsdruck durch „Vibe-Coding"-Ängste weitgehend.
Betrachtet man nur die Kennzahlen, ist SAP so stark wie selten: zweistelliges Cloud-Wachstum, ein Auftragsbestand von 23 Milliarden Euro, ein Aktienrückkaufprogramm von bis zu zehn Milliarden Euro bis Ende 2027 und ein Nachfragezyklus, der durch ein Wartungsende und nicht durch Überzeugungsarbeit erzwungen wird. Kein Wettbewerber verfügt über eine vergleichbar breite, kaum austauschbare installierte Basis, und kein Wettbewerber kann seinen Kunden ein derart hartes Kalenderdatum entgegenhalten. Die Aktie hat diese Stärke honoriert, seit im September starke Cloud-Zahlen und neue KI-Ankündigungen den Kurs von seinem Mehrjahrestief bei rund 143 Euro im Juni wieder auf etwa 182 Euro trugen – wenn auch weiterhin deutlich unter dem Allzeithoch von 280 Euro aus dem Februar 2025.
Wer genauer hinschaut, findet in genau diesem Jahr drei Risse in der Erzählung von der unangreifbaren Datenmacht. Der eine kommt vom eigenen Vorstandschef, der öffentlich bezweifelt, dass klassische Softwareentwicklung – also das, was SAP seit fünfzig Jahren verkauft – noch lange in ihrer heutigen Form gebraucht wird. Der zweite zeigt sich in der eigenen KI-Antwort: Trotz vierzig Agenten und Milliardenzukäufen nutzen erst drei Prozent der Kunden Joule produktiv, während die Mehrheit der KI-aktiven Unternehmen zu fremden Lösungen greift. Der dritte ist der ernsteste: Ausgerechnet während SAP sein System als vertrauenswürdiges Nervenzentrum der Weltwirtschaft bewirbt, deckte der Sicherheitsforscher Onapsis mit OVERPASS eine Schwachstelle der höchsten Kategorie im SAP-Kern auf – erreichbar ohne Anmeldung, mit vollen Administratorrechten, auf schätzungsweise mehr als 10.000 Systemen weltweit.
Keiner dieser drei Risse widerlegt für sich genommen die Grundthese. Der Zwang zur Migration bis 2027 bleibt real, ebenso wie das Cloud-Wachstum und die Fähigkeit des Konzerns, Zukäufe in ein zusammenhängendes Datenfundament zu verwandeln. Aber sie summieren sich zu einer Frage, die keine Quartalszahl beantwortet: Ob ein Unternehmen, dessen Wert vor allem aus dem Besitz und der Vertrauenswürdigkeit fremder Unternehmensdaten entsteht, diesen Besitz in eine Ära hinüberretten kann, in der sein eigener Chef den Wert klassischer Software infrage stellt, seine Kunden lieber fremde KI-Werkzeuge nutzen und sein Systemkern gerade erst als offen verwundbar entlarvt wurde. Genau zwischen der Zwangsläufigkeit dieses Wachstums und der Zerbrechlichkeit dieses Vertrauens wird sich in den kommenden Jahren entscheiden, wie viel die Datenmacht eines Konzerns noch wert ist, dessen Kern nachweislich Risse zeigt.