Die Sartorius AG mit Sitz in Göttingen beliefert die biopharmazeutische Industrie und Forschungslabore. Sie verdient Geld vor allem mit Einwegbeuteln, Filtern, Bioreaktoren und Zellkulturmedien für die Herstellung biotechnologischer Medikamente, die sie größtenteils über ihre in Paris notierte Tochter Sartorius Stedim Biotech verkauft, sowie mit Laborwaagen, Pipetten und Analysegeräten.
Ein Antikörper-Medikament entsteht nicht im Chemiereaktor, sondern in lebenden Zellen, die in einer Nährlösung wachsen und deren Produkt anschließend gefiltert und gereinigt werden muss. Für diese Schritte liefert Sartorius das Material: Bioreaktoren, sterile Beutel, Membranfilter, Nährmedien. Ein wachsender Teil der Branche arbeitet mit Einwegsystemen aus Kunststoff, die nach jeder Charge entsorgt werden, statt mit Edelstahltanks, die nach jedem Lauf aufwendig gereinigt werden müssen. Daraus entsteht Umsatz, der sich wiederholt. Nach Rechnung der Ratingagentur S&P sind rund 80 Prozent der Erlöse wiederkehrend, und viele Produkte sind in den Zulassungsunterlagen der Medikamente festgeschrieben, was einen Lieferantenwechsel teuer und langwierig macht. Im ersten Halbjahr 2026 wuchs das Geschäft mit Verbrauchsmaterial operativ um gut neun Prozent, der Verkauf von Geräten um rund zwei.
Genau genommen besteht Sartorius aus zwei börsennotierten Gesellschaften. Das Bioprozessgeschäft liegt weitgehend bei der Sartorius Stedim Biotech mit Sitz im südfranzösischen Aubagne, an der die Göttinger Mutter 71,5 Prozent des Kapitals und 83 Prozent der Stimmrechte hält; der Rest wird in Paris gehandelt. Die Tochter setzte im ersten Halbjahr 1,53 Milliarden Euro um, rund 84 Prozent des Konzernumsatzes. Bei der Mutter verbleibt vor allem die Laborsparte, die Wurzel des Hauses: Florenz Sartorius gründete 1870 in Göttingen eine feinmechanische Werkstatt, deren wichtigstes Produkt Analysewaagen waren. Heute verkauft die Sparte Waagen, Pipetten, Zellanalysegeräte und seit dem Kauf von MatTek für 80 Millionen Dollar im Jahr 2025 auch dreidimensionale Gewebemodelle. Mit einer bereinigten EBITDA-Marge von 21,2 Prozent verdient sie deutlich weniger als das Bioprozessgeschäft mit 32,3 Prozent.
Das erste Halbjahr 2026 zeigt einen Konzern auf dem Rückweg: 1,81 Milliarden Euro Umsatz, operativ und währungsbereinigt 7,7 Prozent mehr als im Vorjahr, eine bereinigte EBITDA-Marge von 30,3 Prozent und ein freier Mittelzufluss, der um 70 Prozent auf 208 Millionen Euro stieg. Einschließlich aller Sondereffekte wuchs der Umsatz währungsbereinigt nur um 2,5 Prozent, weil Sartorius US-Zölle, die nach einem Urteil des Supreme Court vom Februar erstattet werden, an seine Kunden weiterreicht. Der Abstand zum Höhepunkt bleibt sichtbar. 2022 setzte Sartorius 4,18 Milliarden Euro um, 2025 waren es 3,54 Milliarden; dazwischen lag der Abbau von Lagerbeständen, die Kunden in der Pandemie aufgebaut hatten. Die Nettoverschuldung beträgt 3,76 Milliarden Euro, das 3,5-Fache des bereinigten EBITDA. S&P bewertet die Bonität mit BBB-, der untersten Stufe des Investment Grade.
Sartorius konkurriert mit Konzernen, die ein Vielfaches seiner Größe haben. Danaher, zu dem der Bioprozessanbieter Cytiva gehört, setzte 2025 nach S&P-Rechnung rund 21 Milliarden Euro um, Thermo Fisher knapp 38 Milliarden, Sartorius 3,5 Milliarden. Hinzu kommt Merck aus Darmstadt mit seiner Life-Science-Sparte. S&P sieht Sartorius mit führenden Marktanteilen bei Beuteln für Flüssigkeiten, bei Filtern und bei Bioreaktoren, verweist aber auf die geringere Größe und Breite gegenüber den amerikanischen Wettbewerbern. Wie ernst diese das Feld nehmen, zeigte Thermo Fisher im September 2025: Der Konzern übernahm für rund vier Milliarden Dollar das Filtrationsgeschäft von Solventum, das 2024 etwa eine Milliarde Dollar umgesetzt hatte. Die Filtration gehört zu den Feldern, auf denen Sartorius seine stärkste Stellung hat.
Wo Sartorius im Feld steht, zeigt der Vergleich der jüngsten Zahlen. Mercks Prozesssparte wuchs im zweiten Quartal organisch um 15 Prozent, getragen allerdings auch von besonderen Bestellmustern asiatischer Kunden und außergewöhnlichem Wachstum in China. Der amerikanische Spezialist Repligen legte um 13 Prozent zu. Danaher dagegen meldete im Bioprozessgeschäft nur ein niedriges einstelliges Wachstum, weil einige große Hersteller Lieferungen von Chromatographieharzen im Wert von 100 bis 150 Millionen Dollar ins Jahr 2027 verschoben; die Auftragseingänge stiegen zugleich um einen mittleren zweistelligen Prozentsatz. Sartorius liegt mit 8,3 Prozent Wachstum im Bioprozessgeschäft im ersten Halbjahr im Mittelfeld. Der Markt wirkt insgesamt gesund, die Ausfälle betreffen einzelne Großkunden, deren Projekte sich verzögern. Auch in Göttingen gab es solche Fälle.
Am stärksten wuchs Sartorius zuletzt in Asien, im ersten Halbjahr um 12,1 Prozent, getragen von einer Erholung in China. Dort hat der Konzern seit 1995 eine Tochtergesellschaft, produziert seit 1996 in Peking und beschäftigt heute mehr als 700 Menschen. Die Erholung überdeckt eine strukturelle Verschiebung: Chinesische Hersteller von Bioprozessmaterial drängen auf die Lieferantenlisten der heimischen Pharmaindustrie, und Branchenbeobachter erwarten, dass sie den Markt beherrschen werden, sobald sie dort stehen. Die westlichen Anbieter antworten mit Fertigung vor Ort. Sartorius baut zugleich in Südkorea. In Songdo, wo Samsung Biologics und Celltrion ihre Werke betreiben, errichtet der Baukonzern Samsung E&A für rund 519 Milliarden Won einen Campus für Einwegbeutel, Membranfilter und Zellkulturmedien, der 2027 fertig werden soll.
Seit Juli 2025 führt Michael Grosse den Konzern, zuvor Chef des Verpackungsmaschinenbauers Syntegon. Er folgte auf Joachim Kreuzburg, der Sartorius mehr als zwanzig Jahre geleitet hatte. Im Januar 2024 hatte Kreuzburg für 2028 noch ein jährliches Wachstum im niedrigen zweistelligen Bereich und eine Marge von rund 34 Prozent in Aussicht gestellt. Im März 2026 ersetzte das Management diese Ziele: Ab 2027 soll der Konzern organisch um 8 bis 11 Prozent pro Jahr wachsen, das Bioprozessgeschäft um 9 bis 12 Prozent, und die Marge soll jährlich um 0,50 bis 0,75 Prozentpunkte steigen. Vom erwarteten Niveau knapp über 30 Prozent in diesem Jahr aus gerechnet, läge sie 2028 bei etwa 31 bis 32 Prozent. Für 2026 stellt Sartorius ein währungsbereinigtes Wachstum von 5 bis 9 Prozent in Aussicht.
Die größte Wette der vergangenen Jahre galt Zell- und Gentherapien. 2023 kaufte Sartorius Stedim Biotech für rund 2,4 Milliarden Euro den Straßburger Hersteller Polyplus, dessen Reagenzien Erbgut in Zellen einschleusen, ein Vorprodukt für die Herstellung viraler Vektoren. Polyplus erwartete damals einen Umsatz im oberen zweistelligen Millionenbereich. Der Kauf trieb die Verschuldung auf das Fünffache des EBITDA. Im Februar 2024 platzierte die Tochter neue Aktien für 1,2 Milliarden Euro zu 233 Euro das Stück; heute notiert sie bei rund 206 Euro. Das Feld selbst hat sich abgekühlt. Takeda gab seine Zelltherapie-Aktivitäten auf, Galapagos wickelt seine ab. Im Juli berichtete Sartorius, zwei große Kunden hätten Bestellungen für Projekte in später Entwicklungsphase ins Jahr 2027 verschoben – nach Darstellung des Managements eine Verzögerung, kein Abbruch.
Die Hoffnung auf den nächsten Investitionszyklus kommt aus den Vereinigten Staaten. Unter dem Druck angedrohter Zölle haben große Pharmakonzerne Investitionen in amerikanische Produktion von mehreren hundert Milliarden Dollar angekündigt, darunter neue Werke für Biologika. Jedes dieser Werke braucht Bioreaktoren, Filter und Beutel. Sartorius rechnet damit, dass der Großteil der Aufträge ab 2027 eingeht und sich ab 2028 im Umsatz zeigt. Für den amerikanischen Markt fertigt der Konzern in Yauco auf Puerto Rico, wo er seit 2012 Filter herstellt. Die Phase hoher Investitionen soll mit der Fertigstellung von Songdo 2027 enden; in diesem Jahr sollen sie noch rund 12,5 Prozent des Umsatzes betragen. S&P erwartet, dass der wachsende freie Mittelzufluss danach vor allem in den Schuldenabbau fließt.
An der Börse ist von der alten Sartorius-Bewertung weniger übrig geblieben als vom Umsatz. Die Vorzugsaktie notiert bei rund 253 Euro, etwa auf dem Stand des Jahresbeginns und 59 Prozent unter ihrem Rekord von 612,40 Euro vom November 2021. Im Juni war sie bis auf 213 Euro gefallen. Im September 2025 verlor sie ihren Platz im Dax, in den sie erst 2021 aufgestiegen war. Billig ist sie dennoch nicht. Der Kurs entspricht etwa dem 53-Fachen des bereinigten Gewinns je Vorzugsaktie von 2025. Bezahlt wird damit weiterhin eine Rückkehr zu hohen Wachstumsraten, die das Management selbst erst ab 2027 verspricht. Die Analysten nennen im Mittel ein Kursziel um 270 Euro.
Hinzu kommt eine Frage, die mit Bioreaktoren wenig zu tun hat. Rund die Hälfte der Stimmrechte gehört der Erbengemeinschaft des 1998 verstorbenen Horst Sartorius und wird bis zum 16. Juli 2028 von einem Testamentsvollstrecker ausgeübt. Was danach geschieht, ist offen; Anteile an der Erbengemeinschaft haben seit 2022 unter anderem Karin Sartorius-Herbst und ein vom Münchner Investor Armira geführtes Konsortium erworben. Zweiter Großaktionär ist das amerikanische Laborunternehmen Bio-Rad mit 38 Prozent der Stamm- und 28 Prozent der Vorzugsaktien. Seit Mai drängt der aktivistische Investor Elliott Bio-Rad, diesen Anteil im Wert von rund fünf Milliarden Dollar zu Geld zu machen, und hält selbst Sartorius-Aktien. Bio-Rad-Chef Norman Schwartz nennt die Beteiligung zum richtigen Zeitpunkt und Preis verwertbar. Die Stammaktien notieren nahe ihrem Zwölfmonatshoch.
Operativ spricht vieles dafür, dass die Delle der Nachpandemiejahre überwunden ist. Verbrauchsmaterial, das in Zulassungen festgeschrieben ist, wächst um gut neun Prozent, der Mittelzufluss steigt, die Verschuldung sinkt langsam. Dagegen steht, dass Sartorius heute kleiner ist als 2022, dass die teuerste Übernahme einem Feld galt, dessen Kunden Bestellungen verschieben, dass das Margenziel von 34 Prozent aufgegeben wurde und dass Merck und Repligen derzeit schneller wachsen. Ob die Bewertung trägt, entscheidet sich an zwei Fristen: an den amerikanischen Werken, deren Aufträge ab 2027 kommen sollen, und am Juli 2028, wenn die Mehrheit der Stimmrechte aus der Verwaltung des Testamentsvollstreckers fällt. Auf die erste Frist kann das Management hinarbeiten. Auf die zweite hat es keinen Einfluss.