WACHSTUM ZUM KAMPFPREIS

TOMRA

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Tomra Systems ASA aus Norwegen entwickelt, verkauft und wartet Rücknahmeautomaten für pfandpflichtige Getränkeverpackungen sowie sensorgestützte Sortieranlagen für die Recycling- und Lebensmittelindustrie. Der Konzern setzte 2025 rund 1,32 Milliarden Euro um, beschäftigt etwa 5.800 Mitarbeiter und zählt rund 120.000 installierte Systeme in über 100 Märkten.

01 Das Geschäft

Das Pfand als Infrastruktur

Wer in Norwegen, der Slowakei oder seit Kurzem in Polen eine Pfandflasche zurückgibt, steht mit hoher Wahrscheinlichkeit vor einer Maschine von Tomra. Mehr als 80.000 Rücknahmeautomaten in über 60 Märkten bilden die größte installierte Flotte der Welt, der globale Marktanteil liegt oberhalb von 50 Prozent. Das Geschäftsmodell hat drei Stufen: Der Händler, den die Pfandgesetzgebung zur Rücknahme verpflichtet, kauft oder least die Maschine; anschließend fließen über Jahre Wartungs- und Serviceerlöse; in manchen Märkten kommen durchsatzabhängige Gebühren hinzu. Wie schnell dieses Rad drehen kann, zeigt Polen: Seit dem Start des dortigen Pfandsystems im Herbst 2025 installierte Tomra rund 7.000 Automaten, das Land ist damit bereits der zweitgrößte Pfandmarkt des Konzerns in Europa. Die Sparte Collection wuchs im zweiten Quartal 2026 um 45 Prozent auf 246 Millionen Euro.

Sensoren für Abfall und Ernte

Das zweite Standbein sortiert, was andere wegwerfen oder ernten. Die Recycling-Sparte trennt in den Sortierwerken der Abfallwirtschaft Kunststoffströme und Metalle, die Food-Sparte prüft Obst, Gemüse oder Nüsse in Verarbeitungsbetrieben auf Fremdkörper und Qualität. Beide Geschäfte folgen anderen Gesetzen als das Pfandgeschäft: Sie hängen an den Investitionsbudgets ihrer Kunden und damit an Rohstoffpreisen und Konjunktur. Das Recycling-Segment steckt seit über einem Jahr im Abschwung — im zweiten Quartal fiel der Umsatz um elf Prozent auf 51 Millionen Euro, nachdem die Aufträge über Monate weggebrochen waren. Immerhin drehte der Auftragseingang erstmals seit mehr als einem Jahr wieder ins Plus, um 40 Prozent. Food wuchs um fünf Prozent auf 99 Millionen Euro, doch Großprojekte verzögern sich, der Auftragseingang sank um 22 Prozent.

Die Ökonomie der Erstausrüstung

Im Juli meldete der Konzern für das zweite Quartal einen Rekordumsatz von 405 Millionen Euro, ein Viertel mehr als im Vorjahr, und ein bereinigtes EBITA von 57 Millionen Euro. Doch die Bruttomarge erzählt die zweite Hälfte der Geschichte: Sie fiel von 44,3 auf 41,3 Prozent, in der Collection-Sparte auf 38,6 Prozent. Der Grund liegt im Mix. Neue Pfandmärkte bringen zunächst Maschinenverkäufe zu umkämpften Preisen — 69 Millionen Euro steuerten Polen, Portugal, Singapur und Rumänien im Quartal bei —, während die margenstarken Serviceerlöse erst mit den Jahren anwachsen. Jeder installierte Automat ist ein Wartungsvertrag in Wartestellung; die gedrückte Marge von heute ist der Kaufpreis für den Bestand von morgen. Offen bleibt, wie hoch dieser Kaufpreis am Ende ausfällt.

02 Der Wettbewerb

Ein Angreifer aus den Niederlanden

Das alte Bild vom Quasimonopolisten stimmt nicht mehr. Die niederländische Envipco, mit knapp 118 Millionen Euro Umsatz im Jahr 2024 ein Bruchteil von Tomras Größe, wuchs zuletzt um rund ein Drittel jährlich und hat sich vorgenommen, in den neuen europäischen Pfandmärkten mehr als 30 Prozent Marktanteil zu erobern — mit Maschinen, die bewusst günstiger angeboten werden als die des Marktführers. In Rumänien, Griechenland, Irland und Frankreich hat der Herausforderer Aufträge gewonnen, in Polen ebenso; Tomras Finanzvorstand räumte dort spürbaren Preisdruck ein. Da neue Pfandsysteme über Ausschreibungen vergeben werden, in denen der Preis schwer wiegt, trifft der Angriff das Geschäft an seiner empfindlichsten Stelle: der Erstausrüstung, die über den späteren Servicebestand entscheidet.

Käuferstreik der Recycler

Im Sortiergeschäft ist die Konkurrenz älter und breiter: Die Schweizer Bühler-Gruppe, Pellenc ST, die deutsche Steinert und chinesische Anbieter wie Meyer treten mit eigenen sensorbasierten Systemen an. Das akute Problem ist allerdings nicht der Wettbewerb, sondern der Kunde. Europas Recycler halten ihre Investitionen zurück, obwohl die EU-Recyclingquoten für 2030 näher rücken — das Management selbst beschreibt die Stimmung im europäischen Kunststoffrecycling als schwach, und wer keine Marge verdient, bestellt keine Sortieranlage. In Nordamerika kommen Zölle und politische Unsicherheit hinzu. Tomra hält mit KI-gestützter Objekterkennung technologischen Abstand, doch Technologie nützt wenig, wenn der Abnehmer den Kauf vertagt. Der Auftragsbestand im Recycling ist über die vergangenen Quartale entsprechend geschrumpft.

Der Wert des Bestands

Tomras eigentliche Verteidigungslinie liegt nicht in der einzelnen Maschine, sondern im Netz dahinter. Rund 120.000 installierte Systeme in über 100 Märkten, Serviceorganisationen vor Ort, jahrzehntelange Beziehungen zu Handelsketten und Systembetreibern — an dieser Infrastruktur muss sich jeder Angreifer messen lassen, der mehr verkaufen will als Hardware. Wie das wirkt, zeigt Großbritannien: Für den Pfandstart im Oktober 2027 hat Tomra bereits zwei Verträge über zusammen rund 3.900 Automaten gewonnen, darunter einen mit einer internationalen Handelskette über etwa 1.200 Geräte; die Auslieferungen beginnen Ende 2026, ihr Schwerpunkt liegt in den Jahren 2027 und 2028. Wer als Erster liefert und wartet, sitzt beim nächsten Rahmenvertrag mit am Tisch. Ob dieser Vorteil die Preisdifferenz zum Angreifer auf Dauer aufwiegt, ist die eigentliche Wettbewerbsfrage der nächsten Jahre.

03 Die Strategie

Vorleistung nach Fahrplan

Tomras Vorgehen in neuen Märkten ist über Jahrzehnte eingeübt: früh Präsenz aufbauen, die Erstausschreibungen gewinnen, dann vom wachsenden Servicebestand leben. 2025 und 2026 lief dieses Programm parallel in Polen, Portugal, Rumänien und Singapur — daher die Rekordumsätze bei gedrückten Margen. Die Pipeline dahinter füllt die Regulierung: Seit dem 12. August 2026 gilt die europäische Verpackungsverordnung PPWR, die den Mitgliedstaaten eine Sammelquote von 90 Prozent für Einweg-Plastikflaschen und Getränkedosen vorgibt; wer sie verfehlt, muss bis 2029 ein Pfandsystem einführen. Großbritannien startet im Oktober 2027, Italien hat den Prozess für ein nationales System angestoßen. Jeder dieser Termine ist für Tomra ein Investitionsfall — erst Kosten, dann Ausschreibung, dann, mit etwas Glück, zwanzig Jahre Wartung.

Sechzehn Millionen und ein Umbau

Parallel zur Expansion räumt das Management um Tove Andersen, seit 2021 an der Konzernspitze, auf der Kostenseite auf. Im Recycling-Segment, das im ersten Quartal 2026 operativ in die Verlustzone rutschte, laufen Bruttokostensenkungen von rund 16 Millionen Euro; sie wirken schrittweise durch das laufende Jahr und voll ab 2027. Zugleich stellt der Konzern in Aussicht, dass die Collection-Bruttomarge in der zweiten Jahreshälfte wieder über 40 Prozent steigt — bei einem Umsatz von 400 bis 440 Millionen Euro, der allerdings unter dem Niveau des ersten Halbjahres läge. Das ist der ehrliche Teil der Prognose: Die polnische Welle ebbt ab, bevor die britische anrollt. Dazwischen muss die Kostenbasis passen.

Ventures unterm Konzerndach

Der dritte Baustein heißt Horizon und bündelt, was aus Tomra mehr machen soll als einen Maschinenlieferanten. Dazu gehören das Sortierwerk Områ in Norwegen, ein Gemeinschaftsunternehmen mit der Produzentenorganisation Plastretur, das gemischten Plastikabfall in zehn verwertbare Fraktionen trennt, außerdem Mehrweg-Piloten unter dem Namen Reuse und das Digitalgeschäft c-trace. Die Umsätze sind mit erwarteten 45 bis 50 Millionen Euro für 2026 noch klein, verdoppelten sich aber zuletzt. Strategisch ist der Schritt bemerkenswert: Tomra wird hier selbst Betreiber von Kreislaufinfrastruktur, statt nur die Ausrüstung zu liefern. Ob daraus ein Geschäft mit eigenem Gewicht entsteht oder eine Sammlung quersubventionierter Experimente, dürfte sich erst nach 2027 erweisen.

04 Die Synthese

An der Börse hat Tomra ein wechselhaftes Jahr hinter sich: Nach den Erstquartalszahlen im April verlor die Aktie binnen Tagen fast ein Fünftel ihres Wertes, nach den Rekordzahlen im Juli sprang sie um 16 Prozent nach oben. Diese Nervosität ist kein Rauschen, sondern die präzise Übersetzung einer offenen Frage: Was ist Wachstum wert, das mit sinkenden Bruttomargen erkauft wird? Mit rund dem 36-Fachen des zurückliegenden und gut dem 20-Fachen des erwarteten Gewinns bezahlt der Markt weiterhin ein Qualitätsunternehmen — aber nicht mehr die Selbstverständlichkeit, mit der diese Qualität früher fortgeschrieben wurde. Die Zeit, in der Tomra als konkurrenzloser Monopolist galt, ist in der Bewertung bereits beerdigt.

Der Kern der Abwägung liegt im Zeitversatz des Geschäftsmodells. Tomra investiert heute in Märkte, deren Serviceerlöse erst in Jahren die Rechnung bezahlen — und genau in diesem Fenster greift ein Wettbewerber an, der die Preise der Erstausrüstung drückt. Kommt der Servicebestand aus Polen, Portugal und bald Großbritannien zu auskömmlichen Konditionen zustande, war die aktuelle Margendelle der Preis für ein Jahrzehnt planbarer Erlöse. Setzt sich die Kampfpreislogik der Ausschreibungen dagegen bis ins Servicegeschäft fort, wäre der Burggraben schmaler, als die Bewertung unterstellt. Die im Zuge der Expansion gestiegene Nettoverschuldung — Analysten beziffern den Verschuldungsgrad auf knapp das Zweieinhalbfache des operativen Ergebnisses — und die erst 2027 voll wirkenden Kostensenkungen lassen dabei wenig Raum für Ausführungsfehler.

Für das langfristige Bild sprechen die Termine: Die PPWR ist seit August geltendes Recht, Großbritannien kommt 2027, Italien spätestens 2029, und im Recycling drehte der Auftragseingang erstmals seit über einem Jahr wieder ins Plus. Wer Tomra kauft, kauft die Wahrscheinlichkeit, dass aus dieser regulatorischen Pipeline ein Servicebestand nach altem Muster wird — und trägt das Risiko, dass die Branche auf dem Weg dorthin ihre Preisdisziplin verliert. Beides ist in den Zahlen dieses Sommers bereits sichtbar: der Rekordumsatz hier, die 38,6 Prozent Bruttomarge im Pfandgeschäft dort. Die Geschichte von der Festung mit dem breiten Graben trägt nicht mehr; die von der Fabrik, die um jeden Auftrag kämpft, noch nicht.